https://www.faz.net/-gqz-7459a

Schinkel-Ausstellung in Berlin : Das Land der Preußen mit der Seele bauend

  • -Aktualisiert am

Berlin hat Karl Friedrich Schinkel, dem Säulenheiligen der Stadt, eine umfassende Werkschau gewidmet. Sie zeigt ihn als genialen Architekten, aber auch als Maler - und als zerbrechlichen Idealisten.

          Dank Daniel Kehlmanns Roman und Detlev Bucks Film setzen wir derzeit das erste Drittel des neunzehnten Jahrhunderts mit der „Vermessung der Welt“ gleich - und vergessen, dass damals die Fremde schon jenseits der Alpen begann. Goethes Vater zehrte sein Lebtag von seiner Italienreise im Jahr 1740, und noch der Sohn kehrte fast fünfzig Jahre später als ein anderer aus dem „Land, wo die Zitronen blühn“, zurück. Auch Karl Friedrich Schinkel, der Säulenheilige nicht nur Berlins, das ihm gerade eine große Werkschau widmet, sondern aller Architekten, wäre ohne Italienreise nicht der geworden, der er war.

          Am 1. Mai 1803 brach Schinkel, Schüler des drei Jahre zuvor jung verstorbenen Ausnahmearchitekten Friedrich Gilly, mit einem gleichaltrigen Freund nach Italien auf. Im Gepäck hatte er Schriften der Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling und Johann Gottlieb Fichte, deren idealistische Verknüpfung von Vernunft und Romantik ihm Leitbild war. Man besucht Triest, Venedig, Florenz und Rom. Im folgenden Jahr geht es nach Neapel, Pompeji und Sizilien. Schinkel, der 1801 mit dem neoantiken Pomona-Tempel bei Potsdam debütiert hat, zeichnet ehrfürchtig-fiebrig antike Ruinen, Palazzi, Stadtansichten, Landschaften.

          Vielseitiges Talent

          In Berlin ist das von Johann Karl Rösler in Rom gemalte Porträt des Zweiundzwanzigjährigen zu sehen: kantige Gesichtszüge, riesengroße dunkle Augen, sehr kräftige, spitz nach oben wuchernde Augenbrauen, eine fleischige, am unteren Ende aufwärts gebogene Nase, ein unbändiger Haarschopf, dunkle, jeder Rasur widerstehende Bartstoppeln. Es ist nicht überliefert, ob Schinkel später in Neapel die berühmte Marmorstatue des jungen „Satyrs mit Weinschlauch“ aus Herculaneum sah.

          Deshalb wird man auch nie wissen, ob ihm auffiel, dass er dem zügellosen Naturwesen wie aus dem Gesicht geschnitten war. Doch dass Schinkel häufig mit seiner Natur kämpfte, sich oft von Dämonen gejagt empfand, geht aus Andeutungen in seinen privaten Aufzeichnungen hervor und spielt eine Rolle in den Berichten derer, die ihn betreuten, als in den letzten Lebensjahren Siechtum seinen Geist zerrüttete.

          Daran erinnert man sich im ersten Saal der Berliner Ausstellung, der Schinkel als Person vorstellt - und steht eigenartig berührt vor dem kleinen „Selbstbildnis mit Susanne Schinkel, geb. Berger“. Auf warm brauntonigem Vergépapier hat der Jungverheiratete sich und seine Frau 1807 mit Feder und Pinsel festgehalten. Sie, sanft lächelnd, sucht den Blick des Betrachters. Er aber, ihr zutraulich, vielleicht auch hilfesuchend die Hand über die Schulter legend, schaut vergrübelt und doch satyrhaft in die Ferne.

          Welch ein überwältigend vielseitiges Talent! Schinkels Ansicht des Kapitols über den Trümmern des Forum Romanum hält jedem Vergleich mit den Bildern der Nazarener stand, seine Landschaften dem mit Caspar David Friedrich, seine Veduten nehmen die fesselnden Entwürfe des virtuosen Architekten, der er werden sollte, vorweg.

          Trotzdem - und trotz der erstklassigen Schinkelporträts von Krüger, Drake, Tieck - wird man magisch angezogen von drei farbglühenden Ovalen, die alles überstrahlen. Diese Ölgemälde, 1817 entstanden, zeigen (zwei davon unvollendet) Schinkels Kinder Marie, Susanne und Karl. Alles, was er in Italien bewundert hatte, Raffaels Farbigkeit und Michelangelos Linienführung, Mantegnas Antikenstudien und Lottos Faltenschwünge, hat Schinkel in diese Porträts gelegt.

          Weitere Themen

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Topmeldungen

          Der technische Fortschritt löst auch Ängste aus

          Weltwirtschaftsforum : Die breiten Massen bleiben zurück

          Gesellschaften driften auseinander: Während in informierteren Schichten Optimismus herrscht, sind andere systemkritischer und skeptischer denn je, zeigt eine neue Studie. Auch in Deutschland.
          Starker Rückhalt: Andreas Wolff im Tor der Deutschen.

          Handball-WM : Deutschlands hart erarbeitetes Halbfinal-Glück

          Das Duell mit Kroatien ist Handball hardcore. Mit Leidenschaft und Teamwork gewinnen die Deutschen ein Drama und stehen im WM-Halbfinale. Doch eine schwere Verletzung trübt die Freude.

          Brexit-Kommentar : Mays Plan B ist Plan A

          Bei keiner wichtigen Frage änderte Premierministerin May ihre Haltung. Sie will nun wieder reden – mit den Abgeordneten und der EU. Dass es jetzt schnell gehen muss, kann sogar ein Vorteil sein.

          Personalie Patzelt : Zwischen den Fronten

          Werner Patzelt soll der sächsischen CDU helfen, ihr Wahlprogramm auszuarbeiten. Seit das feststeht, ist um ihn eine Kontroverse entbrannt – die auch alte Konflikte mit der TU Dresden wieder befeuert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.