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Schiele in München : Mittendrin statt außen vor

  • -Aktualisiert am

War Egon Schiele ein Einzelgänger? Mit dieser Legende räumt das Münchner Lenbachhaus gründlich auf und zeigt Schieles Werk in seinem Wiener Kontext.

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          Egon Schiele hatte zu Lebzeiten nur eine einzige Einzelausstellung außerhalb Österreichs: Vor fast hundert Jahren, im Februar 1912, eröffnete sie in der Münchner Kunsthandlung Hans Goltz parallel zur zweiten Schau des „Blauen Reiters“. Dass die beiden Ausstellungen nicht kombiniert wurden und Schiele auch die Aufnahme in die Künstlervereinigung nicht gelang, dürfte nicht nur an seinem hier noch fremden im Symbolismus wurzelnden Expressionismus gelegen haben, sondern auch an seinen frappierenden Darstellungen nackter Menschen. Damit irritierte der junge Wiener die damals erfolgreichen Künder vom Geistigen in der Kunst wie Kandinsky, dessen Malerei Sexualität und Nacktheit ausklammert.

          Einige Aktzeichnungen Schieles zeigen Spuren scharfer Knickung, verursacht durch frühere Eigentümer, die schamhaft die Unterleibspartie nach hinten wegfalteten, denn Schiele wagte sich an die Sexualtabus seiner Zeit. Er schockierte die Wiener der Jahrhundertwende mit Frauen, die unverhohlen ihre Geschlechter zeigen und konfrontierte mit Darstellungen von Homosexualität und Masturbation; er ließ - auch heute noch irritierend - vorpubertäre Mädchen den Rock hochschlagen. Die heiklen Sujets trugen ihm, der eigentlich auch andere Themen hatte, den Ruf einer hochbegabten, aber perversen, kranken Künstlernatur ein. Unmengen Selbstbildnisse schienen diese Diagnose zu bestätigen, denn wer aufgerissenen Auges seinen spindeldürren Körper in exzentrischsten Posen inszeniert, der musste wohl nicht zurechnungsfähig sein.

          Vom Einfluss des Publizisten Roessler

          Sein Leben in wilder Ehe mit dem Modell Wally, dann die „Neulengbach-Affäre“, die dem Künstler wegen vermeintlicher Verführung einer Minderjährigen und, nach Widerlegung dieses Vorwurfs, noch wegen unzüchtiger Zeichnungen eine Haftstrafe einbrachte, sorgte für eine dramatische Legendenbildung. Sie führte dazu, dass Schieles Werk stets untrennbar verbunden wurde mit seiner Biographie. Sein früher Tod, er starb 1918 mit achtundzwanzig Jahren an der Spanischen Grippe, drei Tage nach seiner schwangeren Ehefrau, hat diese Verknüpfung endgültig manifestiert.

          Die aktuelle Ausstellung des Münchner Lenbachhauses, die Helena Pereña und Helmut Friedel mit Zeichnungen und Aquarellen aus den phänomenalen Schiele-Beständen der Wiener Albertina kuratiert haben, räumt auf mit dem Mythos vom einsamen Außenseiter. Begründet hatte ihn der einflussreiche Kunstpublizist Arthur Roessler, dessen kantige Physiognomie mit Schnauzer uns durch Porträts seines Schützlings bestens vertraut ist. Roessler eröffnet seiner neunzehnjährigen Entdeckung exzellente Kontakte in der Wiener Kunstwelt und stilisiert ihn in seinen Texten erfolgreich zur Legende des hochsensiblen Einzelgängers und von Ernst durchdrungenen „Neu-Gothikers“. Weil er sich Rechte am Nachlass sicherte, konnte der Autor ungestört an diesem Denkmal feilen.

          Erklärungen aus dem Wiener Kontext

          Tatsächlich unterhält Schiele rege Kontakte zu Kollegen, wendet sich nach der Wiener Akademie an den verehrten älteren Gustav Klimt. Schiele, das zeigt die Schau, lebte keineswegs traumverloren im Abseits seiner Obsessionen, sondern hellwach in den Themen des Wiener Fin de Siècle, einer Welt im Umbruch. Zum Beispiel die Riesenmenge an Selbstporträts, 170 schuf er in seinem kurzen Leben: Nervöse Umrisslinien um splitternde Binnenflächen bannen ihn nackt, verkleidet, grimassierend, verrenkt, posierend in rastlosen Wandlungen.

          Die exzessive, vor der Kamera fortgesetzte Selbsterfahrung erklärt Helena Pereña mit der damals intensiv diskutierten Subjektkrise, mit dem „unrettbaren Ich“, das Hermann Bahr definiert als „keine unveränderliche, bestimmte, scharf begrenzte Einheit“ und Schiele bildlich immer wieder neu konstituiert. Auch für Schieles sexuelle Drastik liefert der Wiener Kontext Erklärungen. Hier veröffentlicht Sigmund Freud seine Abhandlungen zur Sexualität, auch jener des Kindes. Und im selben Klima wie Schiele riskieren Bücher wie Schnitzlers „Reigen“ oder der Felix Salten zugeschriebene Hurenroman um Josefine Mutzenbacher den Umgang mit dem verleugneten Triebleben.

          Neue Pointen statt traditionellem Sehen

          Eine Vitrine offenbart weitere Starthelfer: Schon die französischen Impressionisten hatten japanische Holzschnitte als Anregung genutzt. Auch Klimt und Schiele sammelten sie, darunter die bekannt präzisen Erotika. Für Schiele, den Provokateur, der unter allen Umständen den Blick fesseln will, steckt ostasiatische Kunst voller Anregungen. Wie dort Raum behandelt wird, inspiriert ihn zu seiner bevorzugten Vogelperspektive, die seine Modelle zeigt, als schwebe er mit dem Aquarellblock über ihnen. Er übernimmt das Bekenntnis zur Leerstelle, zeigt den „Cello-Spieler“ in typischer Haltung, aber ohne Instrument und verlegt Boote im Hafen von Triest in die obere linke Bildecke des sonst weiß gelassenen Blattes.

          Er lernt: Ungewohnte Ausschnitte erzeugen Neugier. Eine Hand vor der Brust, saust da der Maler Max Oppenheimer durchs Bild, was tut wohl der andere, ausgestreckte Arm jenseits des Blattrandes? Malt Oppenheimer gerade, tanzt er, deutet er auf etwas? Anders sehen als Übung und Prinzip lässt den Virtuosen Schiele stets neue Pointen finden; manchmal legt er schneeweiße Aureolen um Figuren oder Blüten wie Kokons zum Schutz eines kostbaren Inhalts oder er dreht experimentierfreudig eine fertig gestellte „Liegende“ in die Vertikale, bestimmt diese durch Signatur zur korrekten Ansicht.

          Schiele hat seinen endgültigen künstlerischen Durchbruch auf der Sezessionsschau im Jahr seines Todes gerade noch erlebt, nicht mehr jedoch den internationalen Siegeszug seiner Kunst. Dass er jetzt, im Jubiläumsjahr des „Blauen Reiters“, wieder mit einer großen Einzelschau in München vertreten ist, hätte ihm sicher gefallen.

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