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Egon-Schiele-Ausstellung : Der Malermantel als Zwangsweste

Er hat sich zeitlebens künstlerisch seziert: In Schweinfurt ist ein Egon Schiele zu sehen, der die Antwort auf die Frage der Epoche, in welchem Stil man malen solle, längst kannte.

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          In diesem Winter haben es die Liebhaber österreichischer Modernisten komfortabel in Deutschland: Es gibt eine goldgrundglänzende Klimt-Ausstellung in der Moritzburg Halle und eine im Museum Georg Schäfer im fränkischen Schweinfurt zu Egon Schiele, dem Zergliederer der Kunst.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Obwohl das Haus am Main keinen einzigen Schiele besitzt und alle Gemälde und Zeichnungen des Künstlers aus dem Bestand des Museums Leopold in Wien stammen, sollte man den Besuch nicht mit dem Verweis auf das viel lohnendere Österreich abschlagen.

          Gerade dem Saal mit den Selbstbildnissen Schieles – zentral für eine Ausstellung mit dem Titel „Freiheit des Ich“ – sind zahlreiche andere Selbstbilder von Künstlern aus dem Museumsbestand an die Seite gestellt: ein wütender Wilhelm Busch in seinem niederländisch grundierten „Selbstbildnis als Bettler“, der offenbar über das zu geringe Almosen auf seinem Handteller mault, Max Slevogt als „Bilderjäger“ mit Flinte und der Malberserker Lovis Corinth, mit nacktem Oberkörper und rotem Kopftuch sowie in anderen Verkleidungen.

          Zwischen Schiele und der Welt

          Alle erstaunlich ähnlich den Inszenierungen Schieles, der damit in eine Traditionskette ebenso provokativer wie entblößender Künstlerselbstbefragungen gestellt wird. In mehr als 170 Selbstbildnissen hat sich Schiele zeitlebens malerisch seziert, in vielen davon greift er mit dem V-förmig abgespreizten Zeige- und Mittelfinger eine typische Geste der Renaissance auf, die Michelangelo und Leonardo gleichermaßen verwendet haben und die heute wohl eher mit Spock aus den „Raumschiff Enterprise“-Filmen verbunden wird.

          Dass der Aufgriff der Renaissance-Geste im Science-Fiction-Film nicht völlig anachronistisch ist, zeigt der Effekt, den schon Schiele damit erzielte: In seinem „Selbstbildnis mit gesenktem Kopf“ von 1912 blickt er den Betrachter mit schräg gelegtem Haupt und wirr aufgestelltem Haar aggressiv an und legt seine Hand mit exakt dieser Geste vor den Körper, der in einem weißen Malermantel steckt.

          Indem aber der Mantel ärmellos wirkt, drängt sich die Assoziation zu einer Zwangsweste auf; die Gebärde wird zu einer Geste der Entfremdung von der Gesellschaft, wie wenn der Künstler als unverstandener Sonderling den Raum zwischen sich und dem Rest der Welt durchschneiden würde.

          Ein verstörendes Ich

          Am elementarsten aber ist diese bis zur Auflösung allen festen Wissens getriebene Selbstbefragung in dem Bild „Selbstseher II (Tod und Mann)“ von 1911. Auf diesem rückt einem verquält in der Mitte stehenden Mann, in dem man wohl ein Alter Ego Schieles erkennen darf, ein übergroßer bleicher Schatten mit leeren Augenhöhlen von hinten auf den Leib.

          Der Nachtmahr scheint seine ellenlange knochige Hand von unten um ihn zu legen, wobei der Mann im Zentrum selbst die kalt und tot wirkende Hand mit seinem linken Arm zusätzlich an den Körper zu pressen scheint. Auch dieses ihn überschattende Über-Ich weist allerdings große Ähnlichkeiten mit Schieles „Selbstsicht“ in der Bildmitte auf. Am verstörendsten bleibt jedoch, dass in einer Staffelung der Körper nach vorne die gesamte Komposition von einem riesigen Gesicht abgeschlossen wird, das uns geradewegs aus toten Augen anstarrt.

          Sigmund Freud hätte vermutlich sein Vergnügen an dem Bild gehabt, denn die in dieser Zeit des Fin de Siècle entwickelte Psychoanalyse ist mindestens als Hintergrundrauschen für Schiele nicht zu vernachlässigen. Stärker müsste aber seine intensive Beschäftigung mit den realen Verhältnissen zwischen Kunst und Seele sowie den künstlerischen Äußerungen psychisch Erkrankter in Anschlag gebracht werden.

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