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Hans Christian Andersen : Das standhafte Anderssein

„Man hat erst gewaltig viel Widerwärtiges durchzumachen, und dann wird man berühmt“: Hans Christian Andersen gilt als friedlicher Märchenerzähler. Seine Scherenschnitte in der Bremer Kunsthalle offenbaren mehr.

          Kindheit und Jugend Hans Christian Andersens waren alles andere als märchenhaft. Die Märchen wie auch seine gesamte Kunstproduktion, vor allem Scherenschnitte und filigrane Zeichnungen, scheinen eine Kompensation für seelische Grausamkeiten gebildet zu haben. Was für einzigartige Kunstwerke neben den Erzählungen dabei herauskamen, zeigt jetzt zum ersten Mal in vollem Umfang die Kunsthalle Bremen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Vom früh verstorbenen depressiven Vater und vom diagnostiziert geisteskranken Großvater erbte Andersen eine sanfte Melancholie, die aber wie bei so vielen Künstlern auch bei ihm zur Triebkraft wurde. Auch die Mutter, eine schwer alkoholkranke Wäscherin, der der kleine Hans Christian gegen die unmenschliche Winterkälte beim Stehen im Waschbach seiner dänischen Heimatstadt Odense Schnaps bringen muss, stirbt früh – eine gefühlte und verinnerlichte Mitschuld an ihrem frühen Tod wird lange die Folge sein. Als Vollwaise kommt Andersen zu Adoptiveltern. Seine schöne Stimme trägt ihn wie auf Flügeln aus dieser dunklen Nebelsuppe der Heimatstadt. Mit der ersten Gage, einem Obolus des Bischofs von Odense für seinen Gesang, fährt er mit vierzehn in die Hauptstadt und will Sänger am Theater werden.

          Erst einmal tritt er allerdings als Troll im Kopenhagener Ballett auf und wird zur Lachnummer: weil er ein, dem Schriftstellerkollegen Friedrich Hebbel zufolge, „ausnehmend hässliches Gesicht“ aufweist. Der Stimmbruch zerstört dann den Sängertraum, Andersen wird Dramaturg, nachdem er bei einem schwierigen, prügelnden Lehrer die Schule nachgeholt hat, und kommt durch diese Umwege zum Schreiben. Die Märchen werden Balsam für die Wunden der Seele.

          Es schreibt erkennbar ein Aufsteiger aus kleinsten Verhältnissen über die Kleinen (In „Des Kaisers neue Kleider“ erkennt nur ein unverbildetes Kind die Wahrheit), die Ausgestoßenen („Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“, „Die kleine Meerjungfrau“) und Abstoßenden („Das hässliche Entlein“), auf Zinnsoldatengröße Geschrumpften und Übersehenen, allerdings für Erwachsene, wie er selbst betonte. Es könnte sich bei derartigen biographischen Zuspitzungen leicht um küchenpsychologische Projektionen handeln, hätte Andersen nicht selbst schriftlich festgehalten: „Man hat erst gewaltig viel Widerwärtiges durchzumachen, und dann wird man berühmt.“

          Der performative Akt

          Mit den Märchen ist er berühmt geworden, mit seinen Scherenschnitten und Zeichnungen nicht, da er mit ihnen weder seine Bücher illustrierte noch sie öffentlich ausstellte. Letzteres aber stimmt strenggenommen nicht, weil Andersen als Erfinder der Performance-Kunst gelten darf: Beim Vortrag seiner Märchen schnitt er parallel zum Erzählen die aufwendigsten und komplexesten Scherenschnitte; mit dem letzten Satz seiner Märchenstunden setzte er auch den letzten Schnitt am Papier an, entfaltete die Blätter vor dem staunenden, oft auch wegen dieser surreal-phantasmagorischen Seelenbilder und Rohrschachtests raunenden Publikum und schenkte sie sogleich weg. Weit weg von Kopenhagen schreibt der hypersensitive Van Gogh an einen Freund: „Findest Du nicht auch, dass Andersens Märchen herrlich sind? Ich bin sicher, er zeichnet auch Illustrationen!“

          Der performative Akt des Scherenschnittes wurde dabei oft als Entsprechung zum Entpuppen eines Schmetterlings verstanden, weshalb Falter als Verbildlichungen der Seele wohl nicht ohne Grund eines der häufigsten Motive in dieser Kunsttechnik bilden. Aus dem unscheinbaren Kokon des eingefalteten Papiers kommt durch paralleles Aufklappen der Blattflügel ein mehr oder weniger schönes symmetrisches Bild zur Welt. Nicht so bei Andersen: Bei ihm gibt es häufig Asymmetrien, ebenso wie er statt prächtiger Schmetterlinge oft Motten und Nachtfalter schneidet, auf deren Flügeln Tänzerinnen prekär balancieren.

          Der Mann also, der mit beiden Händen gleichermaßen geschickt und professionell schneiden konnte, gab dem Publikum mit dieser Aktionskunst einen abgründigen Bildkommentar seines Unterbewusstseins zu den Märchen, denn von bewusster Steuerung kann parallel zu einem konzentrierten Vortrag vor Hunderten von Leuten kaum die Rede sein. Man muss sich Andersen wohl als eine Art Doktor Jekyll und Mister Hyde vorstellen.

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