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„Schattengalerie“ in Aachen : Ein Museum zeigt die Bilder, die es verloren hat

Mit einer sensationellen Ausstellung will das Suermondt-Museum in Aachen kriegsbedingt verlagerte Gemälde seiner Sammlung zurückgewinnen. Gezeigt werden Schwarz-Weiß-Kopien der verlorenen Werke in Originalgröße: die Bilanz eines Verlustes.

          Diese Ausstellung ist eine Sensation. Konzeptionell wie auch kulturpolitisch geht sie neue Wege. Das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen inszeniert ein Paradox und zeigt dreiundsechzig Jahre nach Kriegsende erstmals Bilder, die es nicht mehr zeigen kann: Rund achtzig der 270 Werke, die es im Laufe seines Bestehens - die meisten 1945/46 durch „Trophäenbrigaden“ der Roten Armee - verloren hat. Möglich ist das, weil sie frühzeitig auf Glasplatten-Negativen fotografisch dokumentiert wurden und in Schwarzweißabzügen reproduziert werden konnten. „Schattengalerie“ zieht die Bilanz eines Verlusts.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Viel Gespür für dramatische Wendungen

          Die Odyssee der Aachener Kunstbestände beginnt wenige Tage nach Kriegsausbruch. Am 9. September 1939 werden Werke des Museums mit dem Domschatz zunächst ins Schloss Bückeburg ausgelagert und von hier Ende Februar 1941 auf die Albrechtsburg in Meißen verbracht. Der letzte Transport verlässt Aachen am 13. August 1942: Insgesamt werden in Sachsen 476 Gemälde aus dem Suermondt-Museum in Sicherheit gebracht, dazu 250 Skulpturen, Kunstgewerbe und Porzellan. Doch den Heimweg tritt nicht einmal die Hälfte der Bilder an: Nur 180 Gemälde (und 216 Skulpturen) kehren 1961 im Ringtausch nach Aachen zurück. Allein die niederländische Malerei zwischen 1500 und 1800, die mit heute zweihundert Stücken das Herz der Sammlung bildet, verzeichnet 120 Verluste. Hinweise, Spuren und Fährten führen nach Russland, in die Ukraine und andere ehemalige GUS-Staaten.

          Die Vorarbeiten für das Projekt gehen ins Jahr 2000 zurück, als der Kunsthistoriker Thomas Fusenig einen Index anzulegen begann. Auf der Grundlage dieser Recherchen lässt Peter van den Brink, als er 2005 Direktor des Museums wird, einen Verlustkatalog erarbeiten, der es auf 287 Nummern bringt. Eine Publikation „mit briefmarkengroßen Abbildungen“, wie andere Institute sie vorlegen, hält er für „wenig sinnvoll, da sie zur genauen Identifizierung der Gemälde nicht ausreichen und kaum im Gedächtnis haftenbleiben“. Doch belässt er es nicht bei einem üppig bebilderten Katalog (Hirmer-Verlag, München 2008, 400 S.), sondern präsentiert knapp ein Drittel der Verluste in einer Ausstellung, die sie in Originalgröße reproduziert und sich ans allgemeine Publikum wendet. Dahinter steht eine doppelte Absicht: zum einen „die verlorene Sammlung wieder zum Leben zu erwecken“, zum anderen „bekräftigt das Haus damit seine größtenteils auch heute noch bestehenden Besitzansprüche“.

          Der Weg in die Ausstellung führt durch mehrere Säle der „Villa Cassalette“, eines Stadtpalais im Stil der Neorenaissance, in dem das Museum seit 1901 residiert: Was zum Kern der Sammlung gehörte, belegt das Innerste des Gebäudes. Der Vorraum fällt mit der Tür ins Haus: Ein Rahmen fasst einen Granatsplitter ein, der das Ölgemälde darin verwüstet hat. Motiv und Maler sind nicht mehr zu identifizieren, nur dass es sich um ein Landschaftsbild handelt, lässt sich gerade noch erkennen. Der Krieg und die Kunst: In diesem Kräfteverhältnis bewegt sich die Schau, die Heinrich Becker mit viel Gespür für dramatische Wendungen kuratiert hat.

          Jede Reproduktion zeigt mit dem Motiv auch den Verlust

          Die große Wechselausstellungshalle hat, grau gestrichen und mit abgehängtem Oberlicht, etwas von einem Mausoleum: Die Reproduktionen (einige im Originalrahmen) hängen an fünf Stellwänden und reichen, gruppiert nach Themen, Epochen und Genres, von einer Sieneser Madonna des Sano di Pietro bis zu Heinrich Maria Davringhausen und Anton Räderscheidt. Doch die Landschaften eines Jan Asselijn oder Jacques d'Arthois sind ihrer Tiefe beraubt, die Blumenstillleben eines Balthasar van der Ast oder Nicolaes van Verendael wirken fahl und flach, die schwarzen Wolken über der „Seebucht mit Festung am Ufer“ von Jan Beerstraten gewinnen keine Bedrohlichkeit, ein Macke nimmt sich ohne Farben wie ein graphisches Werk aus, und was Hendrik de Clerck in „Venus in der Schmiede des Vulkan“ konfrontiert, entfaltet keine sinistre Spannung. Jede Reproduktion zeigt mit dem Motiv auch den Verlust, jede lässt die Technik des Malers erahnen und die Farben vermissen, jede klagt ihre Vervollständigung ein. Farbe am Ende des Tunnels. Im letzten Gang blitzt sie auf: etwa bei Johann Adam Eberle, von dessen vierteiligem „Tell-Zyklus“ die Schlussszene im Museumsbestand erhalten ist. Oder bei Peeter Snyers, zu dessen „Savoyardenknabe mit Eichhörnchen“ dem Haus ein Pendant geblieben ist. Oder mit einer „Landschaft mit dem Städtchen Olevano“ von Karl Hagemeister, die mit einem aus anderem Blickwinkel gemalten Bild verwechselt wurde. Vergleiche und Bezüge machen die Verluste konkreter - und schmerzhafter.

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