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Futuristisches Kulturzentrum : Der Einzug ins gelobte Band

  • -Aktualisiert am

Das Architekturbüro Sanaa baut in New Canaan bei New York ein futuristisches Kulturzentrum. Oder ist es etwa eine Kirche? Hier widmen sich Auserwählte der Verbesserung der Welt.

          5 Min.

          In Manhattan stauten sich die Autos auf dem Hudson Parkway, und der Regen wurde immer stärker, so dass man das andere Ufer des Flusses, wo, schon in New Jersey, der Stadtteil mit dem schönen Namen Guttenberg liegt, nicht mehr sah, sondern nur die verschwommenen Konturen der Hochhäuser und das zähe Band der roten Rückleuchten, das sich nach Norden wälzte. Es staute sich auf dem Cross Country Parkway und auf der Interstate 684 - und erst auf der Landstraße, die nach New Canaan führt, wurden Verkehr und Regen weniger.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Als wir ankamen, war es, als habe die Agentur, die im Norden von New York zur Besichtigung des großen neuen Projekts des Tokioter Büros Sanaa eingeladen hatte, sogar das Wetter vorbestellt: glitzernde Sonne auf tropfenden Ästen, Nebel in den Wiesen, das leicht verfärbte Laub des einsetzenden Indian Summer, weiße Holzhäuser, die an die Zeit erinnern, als die ersten Siedler hier ihre Gemeinden gründeten, Golfplätze, Kiesauffahrten, Ruhe, feuchte Landluft: Dies ist nicht mehr New York, dies ist New Canaan. Früher verdiente man hier Geld mit der Herstellung von Schuhen, seit 1868 die Bahnlinie nach New York eröffnet wurde, bauten sich auch die wohlhabenden New Yorker - unter ihnen Lewis Lapham, Gründer von Texaco - hier ihre Wochenendhäuser und spielten in einer Luxusversion das einfache Leben der ersten Siedler nach, das ihnen in der Millionenmetropole New York mehr und mehr abhandenkam.

          In den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts beschworen dann die „Harvard Five“ - die Architekten Philip Johnson, Marcel Breuer, Landis Gores, John M. Johansen und Eliot Noyes - den alten amerikanischen Traum von der Thoreau’schen Hütte in den Wäldern, nur in modernerer, quasi abstrakter Form: Die Wochenendhäuser, die sie bauten - das bekannteste ist Johnsons minimalistisches Glass House - sind eine Hommage an das einfache, naturnahe Leben, das Wohnen konzentrierte sich hier auf die Feuerstelle (Kamin) und den Teich (Swimmingpool). Die Schlafzimmer waren vollverglast, so dass man den Eindruck hatte, wie ein Trapper im Freien zu schlafen. New Canaan wurde so zur idealen Gegenwelt der lauten, verrußten, gehetzten Stadt New York.

          Der längste modernistische Bungalow der Welt

          Heute ist der kleine Ort die neuntreichste Kommune der Vereinigten Staaten und weist das höchste Pro-Familien-Einkommen der gesamten Nation auf. Und vielleicht kann das, was die Architekten Ryue Nishizawa und Kazuyo Sejima, Träger des Pritzkerpreises und Erbauer des New Yorker New Museum, hier entworfen haben, auch nur an einem solchen Ort entstehen. New Canaan hatte nie ein Stadtzentrum oder einen Marktplatz, das wollten einige Mitglieder der Gemeinde nun nachholen - und trieben eben mal 83 Millionen Dollar dafür ein, hier eine alte Farm zu erwerben und einen Ort zu bauen, an dem man sich treffen kann - eine Art soziales Zentrum für Menschen ohne soziale Probleme, wenn man Vereinsamung auf hohem finanziellem Niveau nicht dazurechnet. Aber auch Menschen mit hohem Einkommen wollen nicht immer nur bei Dinnereinladungen unter Menschen kommen, und so gibt es auf Grace Farms, wie die neue Ideallandschaft getauft wurde, nun eine Art Gemeindezentrum mit Café, Restaurant, einem asiatischen Teeraum, einer Bibliothek, einer Turnhalle, einem kollektiven Wohnzimmer und einer Halle, in der Vorträge, Konzerte und, am Sonntag, Gottesdienste stattfinden werden.

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