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Sammlungstausch : Picasso galoppiert mit dem Blauen Reiter

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Das Kölner Museum Ludwig und das Münchner Lenbachhaus tauschen ihre Kollektionen.

          3 Min.

          Als Peter Ludwig 1950 sein Kunstgeschichtsstudium mit einer Promotion über Picasso abschloß, konnte er kein einziges Original in deutschen Museen konsultieren. Nicht einmal eine Zeichnung war der Aktion „Entartete Kunst“ entgangen, die dreizehn Jahre zuvor mit der Moderne kurzen Prozeß gemacht hatte. Im Bemühen darum, die empfindliche Lücke zu schließen, zog unverhofft Köln das große Picasso-Los, als die Stadt mit der opulenten Kunstschenkung von Peter und Irene Ludwig auch die größte private Picasso-Kollektion außerhalb der Familie des Künstlers übereignet bekam. Im kunstverwöhnten München hingegen verfolgte man ausgerechnet die Picasso-Spur nicht hartnäckig genug, bevor die Preise ins Unerschwingliche stiegen, weshalb die Pinakothek der Moderne heute auf Unterstützung durch das Pariser Musée Picasso angewiesen ist.

          Doch bekanntlich hütet auch München ein Geschenk, das international nicht seinesgleichen hat: Die Blaue-Reiter-Sammlung geht zurück auf ein Gabe der Malerin Gabriele Münter, die der Städtischen Galerie im Lenbachhaus ihren gesamten Besitz an Bildern aus der gemeinsamen Zeit mit Kandinsky überließ, der in lückenloser Folge dessen Weg zur abstrakten Malerei nachvollziehen läßt. Jetzt reiste also der „Blaue Reiter“ ins Kölner Museum Ludwig, derweil sich im Gegenzug München im Glanze von rund achthundert Arbeiten Picassos sonnt, darunter vierundzwanzig Ölbilder. Der schöpferischen Fülle des Genialen die Verehrung leidenschaftlicher Sammler zu Füßen legend, durcheilen Bilder, Blätter, Skulpturen und Keramik, dicht an dicht den riesigen unterirdischen „Kunstbau“ des Lenbachhauses füllend, sieben Jahrzehnte einer berstenden Schaffenskraft.

          München zeigt in Köln Verborgenes

          Eine ganze Längswand bedecken berühmte Graphiken und Radierzyklen, die in Köln sonst ebensowenig zu sehen sind wie das Gros der übrigen ausgestellten Werke. Gegenüber beginnt bei einer akademischen Skizze, die der Achtzehnjährige 1899 vom Vater anfertigt, ein rasender, durch die markanten Werkphasen schnellender Beutezug. Mag sein, daß sogar Sammlern vom Kaliber der Ludwigs die Mittel für noch mehr Ölgemälde des Jahrhundertkünstlers fehlten. Doch läßt die Anhäufung von Zeichnungen, Gouachen, Tuschen, von Entwürfen und Varianten den Wunsch nach unmittelbarer Tuchfühlung mit Entwicklungs- und Entstehungsprozessen vermuten. So möchte man umgehend nachvollziehen, was Werner Spies in seiner Eröffnungsrede das „sezierende, scheinbar monströse Sehen“ Picassos nannte.

          Die Sammlung mündet in der hymnischen Feier des vitalen, mehr denn je erotikbesessenen Spätwerks. Nach dem Besuch der Picasso-Ausstellung in Avignon 1970, die jüngste Werke des fast Neunzigjährigen zeigte, bat Irene Ludwig ihren Mann ergriffen am Telefon: „Komm sofort. Das ist das Größte, was man an Kunst heute sehen kann.“ Hier fanden Irene und Peter Ludwig die schlüssige Synthese und runde Summe des Gesamtwerks, die sie zum vormals gelegentlich verächtlich belächelten Schwerpunkt ihrer Picasso-Kollektion erkoren. Mittlerweile darf man sie Pioniere auf diesem noch immer nicht erschöpfend entschlüsselten Feld des Spätwerks nennen.

          Besucher nicht mobiler als Gemälde?

          München und Köln trennen nur fünf Stunden Fahrt - ein Klacks für hypermobile Kunstfreunde, die doch liebend gern jedem „Event“ entgegenreisen. Für Bilder aber ein strapaziöses und wahrhaftig nicht ungefährliches Unterfangen. Nun strahlt Ludwigs Picasso-Block im Kunstbau zwar als reichfacettierter Solitär, doch Dialoge mit der Sammlung kann er dort unten nicht führen, zumal die gleichwertigen Stimmen ja in Köln weilen. Warum also der enorme Kraftaufwand dieses Tauschprojekts? Muß das Verschicken ganzer Sammlungen - man denke auch an den Besuch des MoMA in Berlin, an das barocke Dresden in den Vereinigten Staaten - der Rettungsanker der von Sparmaßnahmen geknebelten Museen sein? Läßt sich nur im Verleihen von Kostbarkeiten, die bislang Sperrlisten schützten, der Konkurrenzkampf um Besucherzahlen und Einnahmen bestehen? Eines wird jedenfalls deutlich: Die leeren Kassen bewahren die Kunst keineswegs vor substanzschädigenden Transporten und Klimawechseln - im Gegenteil.

          Die Versicherungen hätten die Gleichwertigkeit der Picasso- und der Blaue-Reiter-Sammlung anerkannt, beruhigen die Direktoren der am Austausch beteiligten Häuser finanzbewußte Kritiker; das senkte die Kosten erheblich, die zudem größtenteils das Sponsoring der Stadtsparkassen beider Städte übernahm. Auch geloben Helmut Friedel und Kasper König die absolute Einmaligkeit dieser Aktion, die aufgrund einer ungewöhnlichen Vertrauenssituation gar nicht wiederholbar sei. Erklärtes Ziel ist neben einem erhofften Plus in den Kassen ein langfristiger Imagegewinn: Die temporäre Verpflanzung an andere Orte soll auf die beiden bedeutendsten monographischen Sammlungen in Deutschland hinweisen. Sie soll München zu einer Kandinsky-Metropole und Köln zur großen Picasso-Stadt machen. Denn, so bestätigte Friedel in einem Interview das Lamento, Sammlungen würden nicht hoch genug eingeschätzt und verblaßten stets hinter der Attraktion von Wechselausstellungen: „Bei Sammlungen geht der Besucher davon aus, daß er ewig lebt.“

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