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Sammlung Frobenius : Mit Pauspapier in die Steinzeithöhle

  • -Aktualisiert am

Zeichnung aus Nordwest-Australien um 1800 v. Chr. Das Aquarell fertigte Douglas C. Fox im Jahr 1938 an. Bild: Frobenius-Institut Frankfurt am Main

Eine Ausstellung in Berlin zeigt, wie ein Frankfurter um die Welt fuhr, um prähistorische Kunst zu kopieren – und wie diese Zeichnungen in New York die moderne amerikanische Malerei begründeten.

          Zu dieser Berliner Schau muss vorausgeschickt werden, was sich nur über die besten Ausstellungen sagen lässt: dass es sich um drei, fünf, vielleicht sogar zehn Ausstellungen handelt, die Eingang in die Räume des obersten Stockwerks im Martin-Gropius-Bau gefunden haben und dass jede davon einen eigenen Titel verdient hätte. „Kunst der Vorzeit. Felsbilder aus der Sammlung Frobenius“ haben die Kuratoren sie genannt. Gezeigt werden etwa hundert Kopien, die vor fast einem Jahrhundert von Höhlen- und Felsenmalereien angefertigt wurden, an Schauplätzen, von denen viele inzwischen zerstört sind. Diese Gemälde entstanden in Libyen, Algerien, Südafrika oder Zimbabwe, in Norwegen, Spanien, Italien, Westpapua und Australien. Sie führen weit in die Vergangenheit zurück. Die ältesten Originale, die als Vorbilder dienten, sind vierzigtausend Jahre alt.

          Ein zweiter möglicher Titel aber wäre: „Die Höhle des englischen Patienten“, nach Michael Ondaatjes Roman und dessen oscarprämierter Verfilmung. Denn in die berühmte Höhle der Schwimmer, die der Abenteuerreisende László Almásy 1933 im ägyptischen Wadi Sura entdeckt hat und die in Buch und Film zu einem Schicksalsort wird, führt diese Ausstellung ebenfalls. Auch hier kopierten die Mitarbeiter von Leo Frobenius die Wandzeichnungen, die sich anders ja nicht transportieren ließen.

          Mit Schusterwachs auf Japanpapier

          Die Malerinnen und Maler pausten die Formen mit Schusterwachs auf Japanpapier ab, nahmen Farb- und Gesteinsproben, um das Vorgefundene möglichst originalgetreu zu reproduzieren. Von dem Besuch am Ort zeugen nicht nur Bilder und Fotografien: Eine Vitrine zeigt verrostete Farbtübchen, die in der Höhle gefunden wurden. Hochprozentiges – die Fläschchen zählen ebenfalls unter die Fundstücke – hielt die Malerinnen und Maler bei Laune.

          Mühsame Arbeit: Elisabeth Paul und Katharina Marr beim Kopieren eines Felsbildes in El Richa, Algerien, im Jahr 1935. Bilderstrecke

          Als gesichert kann nun auch gelten: Der Forschungsreisende Leo Frobenius und sein Team, das gemeinsam mit Almásy die Expedition unternahm, steuerten durch die Wüste in Geländewagen, die nicht olivgrün oder sandfarben waren, sondern knallrot. Bisher gab es nur Schwarzweißaufnahmen der Autos. Nun wurde ein Bild gefunden, Aquarell auf Papier, das die erstaunlich grellen Gefährte inmitten der Sahara zeigt.

          Ein dritter vorstellbarer Titel sei angeführt: „Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat“. Die letzte umfangreiche Ausstellung nämlich, die das Felsbild-Archiv erhielt, fand in New York statt – 1937 im Museum of Modern Art. Das stellte nun der Historiker Richard Kuba fest, ein Mitarbeiter des heutigen Frobenius-Instituts und der Kurator der Ausstellung. Alfred Barr, der Gründungsdirektor des MoMA, war zuvor eigens nach Frankfurt gefahren, zu ebenjenem Frobenius, dessen Institut bis 1939 insgesamt sechzehn Expeditionen unternahm, um aus aller Welt die Kunst der Vorfahren zusammenzutragen. Am Ende waren fünftausend Werke erfasst. Barr suchte die Felsbildkopien aus, die er neben Bildern von Arp, Klee und Miró bei sich im Museum ausstellte.

          Erneuerung der amerikanischen Malerei mit Impulsen aus Frankfurt

          Es war Barr, der die Felsbilder in den amerikanischen Künstlerkanon einspeiste, just zu dem Zeitpunkt, als New York Paris als Welthauptstadt der Kunst ablöste und Pollock zum neuen Picasso aufstieg. Diesen Umschwung hat der Kunsthistoriker Serge Guilbaut 1983 in seinem Buch „Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat“ beschrieben. Dass aber diese Erneuerung der amerikanischen Malerei von einem hochtourigen Motor angetrieben wurde, den man aus Frankfurt importiert hatte – das ist eine Erkenntnis dieser wunderbaren Ausstellung. „Die Frankfurter Kopien prähistorischer Malereien aus Europa und Afrika“, schreibt die Kunsthistorikerin Elke Seibert im Begleitbuch, „zeigten den New Yorker Künstlern unbekannte Wege bei der Lösung aktueller Probleme auf.“

          Zurück in die Gegenwart: In Berlin empfangen die Besucher teils riesige Formate. Über Landschaften schweben Elefanten, durchscheinend wie Quallen, Menschen wuseln wie Ameisen um ihre Beine. Bisons senken ihre Hörner, Delphine drehen ihre Runden, dunkel wie Schatten. Von allen Spekulationen, was diese Felsbilder ursprünglich bedeutet haben mögen, halten sich die Ausstellungsmacher bewusst fern. Ein Denkmal aber setzen sie dem Kollektiv, das sich mit Hingabe in den Dienst der Malerei stellte, die vor Jahrtausenden geschaffen wurde. Frobenius beschäftigte elf Frauen und neun Männer, die keine halsbrecherische Aktion scheuten, um die Bilder abzumalen. Ihren Leistungen widmen sich Ausstellung und Katalog ausführlich.

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