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Streit um Kunst-„Schaffott“ : Für Erklärungen war die Situation zu explosiv

Schon auf der Documenta 13 vor fünf Jahren stellte Sam Durant sein Kunstwerk „Scaffold“ aus. Jetzt erregte Anstoß bei den amerikanischen Ureinwohnern. Bild: Helmut Fricke

Was passiert, wenn man sein eigenes Werk der Zerstörung preisgibt? Der Künstler Sam Durant über den Protest gegen sein „Scaffold“ und dessen zeremonielle Verbrennung.

          5 Min.

          Herr Durant, als kürzlich Ihre Skulptur „Scaffold“, die unter anderem das Schafott der Hinrichtung von 38 Dakota-Indianern im Jahr 1862 zur Vorlage hat, im Walker Art Center in Minneapolis aufgebaut wurde, protestierten Dakota-Indianer aufs heftigste und warfen Ihnen vor, ihre Geschichte zu instrumentalisieren. Was war das für ein Gefühl?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mir fehlte das Verständnis für die Situation. Fast eine Million Menschen hatten die Skulptur 2012 auf der Documenta gesehen, danach stand sie ein Jahr lang in Den Haag. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie besonders kontrovers wäre. Mir war nicht klar, dass die Geschichte und der Kontext in Amerika so anders sind. Das war ein Riesenfehler. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit vor Ort verbracht. Das Walker und ich haben uns dafür entschuldigt, dass wir die Geschichte und Lebensumstände der Dakota nicht verstanden haben.

          Sie äußern sich nur noch in Entschuldigungen. Warum sollte ein Künstler immer erst die Betroffenen konsultieren, bevor er sich einem historisch sensiblen Thema widmet?

          Ich denke, es kommt auf die Art der Arbeit an. In diesem Fall spielten viele Faktoren eine Rolle. Die Skulptur stand in einem öffentlichen Park und war weithin sichtbar. Es gab aber keine Schilder mit Informationen zur Arbeit und zum Künstler. Zu erkennen war nur das Schafott von Mankato. Für Dakota, die vorbeifuhren, sah das aus wie ein Denkmal. Sie waren fassungslos: Warum wird unsere von Kolonialismus und Völkermord gezeichnete Geschichte in eine Skulptur in einem öffentlichen Park verwandelt?

          Gab es keine Möglichkeit, zu erklären, dass Ihre Skulptur gerade darauf hinweisen soll, wie sehr die amerikanische Gegenwart durch die Geschichte rassistischer Gewalt geprägt ist?

          In dieser Situation war schnell klar, dass das nicht ging. Dafür war die Situation zu explosiv. Als ich in die Stadt kam, spürte ich sofort das Gewaltpotential. Es gab Weiße, die im Vorbeifahren rassistische Beleidigungen riefen und Steine auf die Demonstranten warfen. Sie zeigten auf meine Skulptur und riefen: „Das ist unsere Trophäe!“ Weiße Nationalisten haben dank Trump das Gefühl, sie könnten ungestraft Minderheiten angreifen. Mir wurde klar, dass Demonstranten ernsthaft verletzt werden könnten und es vor allem auf Deeskalation ankam. Und eine Möglichkeit der Deeskalation war es, die Arbeit abzubauen. Hier war die Grenze zwischen Kunst und Realität überschritten.

          Sie übergaben dann die Skulptur den Dakota und stimmten ihrer zeremoniellen Verbrennung zu. Untergräbt dieses Zugeständnis nicht die Freiheit der Kunst? Müssen wir in liberalen Gesellschaften nicht darauf bestehen, dass die Skulptur eines Schafotts kein Schafott ist?

          Das ist genau der Punkt. Ich denke gerade viel über diese Frage nach. Ich denke, es gibt bestimmte Fälle, in denen ein Werk nicht als Repräsentation gesehen werden kann. Das ging hier einfach nicht. Diese Vorstellung stammt aus der europäischen Aufklärung, die selbst direkt mit Kolonialismus und Imperialismus verflochten ist. Ich selbst würde sie immer unterschreiben. Aber für Menschen, die nicht aus dieser Tradition kommen, ist sie unmittelbar mit der eigenen Unterwerfung verbunden.

          Universalistische Ideen stehen gerade stark unter Druck durch Identitätspolitik von rechts wie von links. Wenn wir an den Protest schwarzer Künstler gegen Dana Schutz’ Gemälde des ermordeten, entstellten schwarzen Jungen Emmett Till auf der Whitney-Biennale denken: Ist es nicht schade, dass es heute so sehr um die Frage geht, wer was sagen darf?

          Das stimmt, und genau darum ging es auch in Minneapolis. Ich persönlich denke, dass jeder über alles sprechen und Kunst über alles machen kann. Die Frage ist nur: wie? Das ist die Crux. Ich werde weiter über diese Geschichten sprechen, aber aufmerksamer sein. James Baldwin sagte 1963, die Probleme des Rassismus könnten nicht von Schwarzen allein gelöst werden, sondern nur von Weißen mit Schwarzen zusammen. Wir haben die Probleme geschaffen und profitieren von ihnen, also müssen wir sie aus der Welt schaffen. Das war immer meine Einstellung, und daran hat diese Erfahrung nichts geändert. Es ist eine Frage des jeweiligen Kontextes: Jede Situation ist einzigartig und bringt eigene Probleme mit sich. Dessen müssen sich vor allem weiße Künstler bewusster sein. Es war eine schmerzvolle Lektion, aber ich bin froh darüber, wie die Sache gelaufen ist.

          Der amerikanische Künstler Sam Durant.

          Wie können Sie sich freuen? Sie verlieren ein Kunstwerk und auch ein wenig Ihre Stimme.

          Es stimmt, dass die physische Manifestation des Werks verloren ist, aber das Werk selbst und seine Geschichte werden bleiben. Seine Wirkung ist durch das physische Verschwinden viel größer. Ich fühle mich auch nicht zensiert. Mir wurde klar, dass ich viel freier würde, wenn ich die Eigentumsrechte an die Dakota übertrage. Es ist, als hätte ich die Knochen ihrer Vorfahren gestohlen, und jetzt gebe ich sie den rechtmäßigen Eigentümern zurück.

          Man könnte aber auch sagen: Indem Sie ein Kunstwerk der Verbrennung freigeben, tun Sie unserer Kultur Gewalt an.

          Gerade sieht es ja so aus, als wollten die Dakota die Arbeit doch nicht verbrennen. Vielleicht werden sie sie irgendwann wieder aufbauen, was für mich auch in Ordnung wäre. Verbrennen hat unterschiedliche Konnotationen. Viele fühlten sich an Buchverbrennungen und den Ikonoklasmus im Faschismus erinnert. Aber für die Dakota ist Verbrennung kein destruktiver Akt, sondern ein heilender. Es geht um die Überführung festen Materials in Rauch und Asche. Das ist sehr spirituell, es geht nicht um Gewalt.

          Sie sprechen nur aus der Perspektive der Dakota. Unsere Kultur ist doch auch betroffen. Sie nehmen ihr etwas weg.

          Wenn das physische Werk verschwindet, ist es nicht ganz verschwunden. Es wird zu etwas anderem. Wir kommen hier auf philosophische Fragen, auf die wir ohne diesen Vorfall nicht gekommen wären, das ist absolut faszinierend. Für mich ist es übrigens auch ganz neu und seltsam, meine Gedanken live in der Öffentlichkeit formulieren zu müssen.

          Ist das nicht auch Ausdruck einer nervösen Zeit, in der so viel vernetzt ist und alles, was man in die Welt setzt, sich toxisch auswirken kann? Dass Sie sich nur in Entschuldigungen äußerten, lag das auch an den Skandalen um Dana Schutz’ Gemälde oder die Ausstellung Kelley Walkers im Contemporary Art Museum in St. Louis, dem im letzten Sommer ebenfalls vorgeworfen wurde, schwarze Geschichte zu missbrauchen?

          Nein. Ich habe durch die Erfahrung ein besseres Verständnis für weiße Privilegien gewonnen. In St. Louis gab es keinen Afroamerikaner unter den Kuratoren, Direktoren und Vorstandsmitgliedern. Nur dadurch konnte es passieren, dass das Verständnis fehlte. Das gleiche im Whitney und in Minneapolis: Gäbe es Indianer unter den Mitarbeitern, wäre das so nicht passiert. Ich will Kuratoren und Direktoren nicht die Last aufladen, für alle Minderheiten zu sprechen, das wäre auch problematisch. Aber die Institutionen müssen vielfältiger werden, das Museum muss mehr aussehen wie die Außenwelt. Sonst wird so etwas garantiert wieder passieren.

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          Warum ist Ähnliches nicht früher in diesem Ausmaß passiert? Künstler haben immer wieder zu afroamerikanischer oder indianischer Geschichte gearbeitet.

          Ja, und es gab auch schon ähnliche Fälle. Der große Unterschied ist, dass diese Dinge jetzt durch Social Media so sehr verstärkt und gleich international publik werden. Es ist wie mit Polizeimorden an Schwarzen: Das ist immer passiert. Nur gibt es jetzt Mobiltelefone, deshalb kann man es nicht mehr verleugnen.

          Wenn ich Sie richtig verstehe, war Ihr Fehler nicht, für Indianer sprechen zu wollen, sondern die Art, wie Sie es versucht haben. Das ist doch sehr schön, weil es zeigt, dass konzeptuelle und ästhetische Details alles entscheiden können.

          Absolut. Das erinnert mich an die Kontroverse um Robert Mapplethorpes „Black Book“, gegen das 1986 Rechte Sturm liefen. Nicht die Homoerotik darin war das Problem, sondern die Schönheit, in der sie gezeigt war.

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