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Streit um Kunst-„Schaffott“ : Für Erklärungen war die Situation zu explosiv

Der amerikanische Künstler Sam Durant.

Wie können Sie sich freuen? Sie verlieren ein Kunstwerk und auch ein wenig Ihre Stimme.

Es stimmt, dass die physische Manifestation des Werks verloren ist, aber das Werk selbst und seine Geschichte werden bleiben. Seine Wirkung ist durch das physische Verschwinden viel größer. Ich fühle mich auch nicht zensiert. Mir wurde klar, dass ich viel freier würde, wenn ich die Eigentumsrechte an die Dakota übertrage. Es ist, als hätte ich die Knochen ihrer Vorfahren gestohlen, und jetzt gebe ich sie den rechtmäßigen Eigentümern zurück.

Man könnte aber auch sagen: Indem Sie ein Kunstwerk der Verbrennung freigeben, tun Sie unserer Kultur Gewalt an.

Gerade sieht es ja so aus, als wollten die Dakota die Arbeit doch nicht verbrennen. Vielleicht werden sie sie irgendwann wieder aufbauen, was für mich auch in Ordnung wäre. Verbrennen hat unterschiedliche Konnotationen. Viele fühlten sich an Buchverbrennungen und den Ikonoklasmus im Faschismus erinnert. Aber für die Dakota ist Verbrennung kein destruktiver Akt, sondern ein heilender. Es geht um die Überführung festen Materials in Rauch und Asche. Das ist sehr spirituell, es geht nicht um Gewalt.

Sie sprechen nur aus der Perspektive der Dakota. Unsere Kultur ist doch auch betroffen. Sie nehmen ihr etwas weg.

Wenn das physische Werk verschwindet, ist es nicht ganz verschwunden. Es wird zu etwas anderem. Wir kommen hier auf philosophische Fragen, auf die wir ohne diesen Vorfall nicht gekommen wären, das ist absolut faszinierend. Für mich ist es übrigens auch ganz neu und seltsam, meine Gedanken live in der Öffentlichkeit formulieren zu müssen.

Ist das nicht auch Ausdruck einer nervösen Zeit, in der so viel vernetzt ist und alles, was man in die Welt setzt, sich toxisch auswirken kann? Dass Sie sich nur in Entschuldigungen äußerten, lag das auch an den Skandalen um Dana Schutz’ Gemälde oder die Ausstellung Kelley Walkers im Contemporary Art Museum in St. Louis, dem im letzten Sommer ebenfalls vorgeworfen wurde, schwarze Geschichte zu missbrauchen?

Nein. Ich habe durch die Erfahrung ein besseres Verständnis für weiße Privilegien gewonnen. In St. Louis gab es keinen Afroamerikaner unter den Kuratoren, Direktoren und Vorstandsmitgliedern. Nur dadurch konnte es passieren, dass das Verständnis fehlte. Das gleiche im Whitney und in Minneapolis: Gäbe es Indianer unter den Mitarbeitern, wäre das so nicht passiert. Ich will Kuratoren und Direktoren nicht die Last aufladen, für alle Minderheiten zu sprechen, das wäre auch problematisch. Aber die Institutionen müssen vielfältiger werden, das Museum muss mehr aussehen wie die Außenwelt. Sonst wird so etwas garantiert wieder passieren.

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Warum ist Ähnliches nicht früher in diesem Ausmaß passiert? Künstler haben immer wieder zu afroamerikanischer oder indianischer Geschichte gearbeitet.

Ja, und es gab auch schon ähnliche Fälle. Der große Unterschied ist, dass diese Dinge jetzt durch Social Media so sehr verstärkt und gleich international publik werden. Es ist wie mit Polizeimorden an Schwarzen: Das ist immer passiert. Nur gibt es jetzt Mobiltelefone, deshalb kann man es nicht mehr verleugnen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, war Ihr Fehler nicht, für Indianer sprechen zu wollen, sondern die Art, wie Sie es versucht haben. Das ist doch sehr schön, weil es zeigt, dass konzeptuelle und ästhetische Details alles entscheiden können.

Absolut. Das erinnert mich an die Kontroverse um Robert Mapplethorpes „Black Book“, gegen das 1986 Rechte Sturm liefen. Nicht die Homoerotik darin war das Problem, sondern die Schönheit, in der sie gezeigt war.

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