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Saarländer Landesausstellung : Die Zukunft aus dem Fundus

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Die Wirtschaft schwächelt, Einwohner wandern ab - in schwerer Stunde befragt das Saarland die moderne Kunst. Kann die „SaarArt“ dem Bundesland einen neuen Anstrich verpassen?

          Wenn man früher während eines Behördengangs im Landratsamt warten musste oder beim Schuldirektor einbestellt war, dann hing da immer eine bestimmte Art von Bildern: Linien und Flächen, die nicht zu scharf, und Farben, die nicht zu bunt waren. Kunst, die absolut modern, aber nicht groß war und es nicht sein wollte, die nach dem Verstreichen ihres historischen Augenblicks widerspruchslos in den Fundus wanderte. So ist es wie ein Wiedersehen mit einem unbekannten Bild, als ich im Mia Münster Haus in St. Wendel vor einem Bild dieser Art stehe. Auf dem Schild steht: „Hans Dahlem, Gelbe Figuration 1960“.

          Damals war das Saarland gerade mal drei Jahre Teil des Staates, der heute alte Bundesrepublik genannt wird, unter Saarländern aber noch ziemlich lang „das Reich“ hieß. Diese Art von Kunst für den öffentlichen Binnenraum gab sich so ratlos-existentialistisch wie die ganze Republik damals: ängstlich entschlossen, moderne Kunst zu fördern und sich intellektuell ambitioniert zu geben, weniger doof zu sein als in den Jahren davor, als man diese Sache vom Zaun gebrochen hatte. Die Bürger, die beschädigten und die nachwachsenden, sollten in der Kunst lernen, nach vorn zu blicken.

          Was bleibt, wenn sie nichts mehr haben

          Heute betrachten wir dies in der Retrospektive: Dahlems Komposition ist eine der sogenannten historischen Positionen, wenn das Saarland in der Landesausstellung „SaarArt“ seine Kunst ausstellt. Kurator Andreas Bayer hat in Fluren, Besprechungszimmern, Speichern und Kellern der saarländischen Behörden gestöbert und war erstaunt, wie viel Moderne, Zukunftsversprechen und Reflexion das Land einst angeschafft und dann gehortet hatte, für schlechte Zeiten. Die wären dann heute.

          Das Saarland lebte von zwei ebenso dynamischen wie dämonischen Antriebskräften: von der heißen und schweren Industrie und der ewigen Erbfeindschaft mit Frankreich, deren Energie nach dem Zweiten Weltkrieg in das europäische Projekt umgeleitet werden konnte. Heute sind diese beiden Kraftquellen müde und die dramatische, wilde Geschichte der Saar weitgehend vergessen. Was bleibt? Das, was Bundesländern laut Grundgesetz bleibt, wenn sie nichts mehr haben: Bildung und Kunst.

          Ein missglückter Wärmedämmungsversuch

          Ulrich Commerçon wischt auf seinem Smartphone herum. Er begleitet mich durch die Ausstellung, heute hat er einen Tag Urlaub. Ich sehe in ihm immer noch den fröhlichen, anachronistischen Studenten: Er wollte nie die Revolution oder das große Geld, sondern saß schon als Student in weltvergessenen Vereinsheimen herum oder stand verregnete Grillabende vor Försterhütten durch, um die Sache der Sozialdemokratie zu befördern. Heute ist er Minister in der großen Koalition unter Annegret Kramp-Karrenbauer und liest mir eine Meldung vor: Der saarländische Innenminister gibt bekannt, dass die Bevölkerung unter die Marke von einer Million gefallen ist. Das ist keine so gute Nachricht.

          Ein Gespenst geht um unter Saarländern, der Verlust der politischen, föderalen Autonomie. Das würde alte Dämonen wecken, Wunden aufreißen, die Folgen wären bitter. Das Land will sich mit einem Sparplan schützen. Die verbleibende Bevölkerung wird älter, in der wirtschaftlichen Struktur stehen Brauereien und Klinikbetriebe an prominenter Stelle. „Soll man jetzt einfach gar nichts machen?“, fragt der Minister. Er erklärt stattdessen die Unruhe zur ersten Bürgerpflicht. Künstler, junge Künstler müssen das Land neu erfinden. Viel zu ruhig sei es da vorher gewesen, als habe man sich damit abgefunden, tief im Südwesten dem historischen Sonnenuntergang entgegenzutreiben. Und er macht die Erfahrung: Wenn man ruft, bittet, einlädt, dann kommen die Künstler und ihre Installationen, Bilder, ihr Quatsch und ihre Ideen. Auch ohne dass man im Gegenzug viel Geld bieten könnte.

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