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Rundgang : In den Labyrinthen des Sehens

Andreas Gursky wird im Münchner Haus der Kunst neue Werke ausstellen. Die monumentalen Fotografien, ob von Prada-Läden oder Autorennen, sind neue Historienbilder der demokratischen Massengesellschaft. Ein Gang durch sein Atelier.

          5 Min.

          Aus der Entfernung betrachtet, könnte dieses Werk auch ein Gemälde sein. Eins von Franz Kline vielleicht, ein Bild, bei dem einer mit einem kräftigen schwarzen Pinsel eine dynamische Kurve auf die Leinwand gehauen hat. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass die schwarze Farbe Teer, der Hintergrund Sand und das Ganze ein Foto einer Rennstrecke ist - wobei die irrsinnig ondulierenden schwarzen Teerkurven der neuen Formel-eins-Strecke eher der Logik arabischer Schriftzeichen zu gehorchen scheinen als den Bedürfnissen von Rennfahrern.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Aufnahme aus Bahrain ist eines von fünfzig Werken, die der Fotograf Andreas Gursky jetzt in einer großen Retrospektive im Münchner Haus der Kunst zeigen wird - und wie immer sieht man erst beim dritten Hinsehen, dass auch diese Fotografie kunstvoll manipuliert wurde. Gursky spielt mit seinem Bildmaterial an den Grenzen von Abstraktion und Gegenständlichkeit, Realität und Phantasmagorie: Nichts ist, wie es scheint in diesen Welten, aber immer sieht es so aus, als könne es gerade noch möglich sein.

          Mittelpunkt des Schaffens in Düsseldorf

          Andreas Gursky arbeitet in Düsseldorf in einem Wohn- und Atelierloft. Die großzügigen Hallen teilt er mit ein paar Katzen, die gern auf einem futuristischen, lilafarbenen Sitzmöbel lagern, das aussieht, als habe man es aus einem Ufo abgeworfen. Im Raum nebenan, wo die Decken fünf Meter hoch sind - gerade hoch genug, um die monumentalen, meist mehrere Meter breiten oder hohen Bilder mit ein bisschen Luft probezuhängen - steht ein Pappmodell der Berliner Nationalgalerie.

          Ursprünglich sollte Gursky hier eine große Ausstellung bekommen, aber daraus wurde nichts, jetzt haben sich die Katzen in dem Modell eingenistet und es gründlich zerfetzt. Draußen, hinter den großen Glasfenstern, schaut man in einen stillen Garten und auf eine Holzlamellenfassade der Architekten Herzog & De Meuron. Nichts verrät, dass man sich in Düsseldorf befindet; dabei ist es zum Rhein nicht weit von hier.

          Der Rhein in Streifen

          1987 zeigte Gursky seine erste Kunstausstellung: Es sind reduzierte, fast gespenstisch präzise Landschaftsbilder, darunter auch „Der Rhein“, das erste einer Serie von streng waagerecht organisierten, fast abstrakten Bildern, die aus vier bis fünf grauen und grünen Streifen bestehen. Weil oft jede Spur von einer Erzählung, von Anekdotischem in Gurskys Bildern fehlt, schärft sich der Blick für die reine Form - und für die Präsenz der Dinge. Man untersucht das Bild, ob etwas Wesentliches, eine Figur, die dem Bild einen Anlass gäbe, herausoperiert wurde, geht verdächtigen Bewegungen von Grashalmen nach, verliert sich im Halmgewirr des ins Auge stechenden Grüns.

          Oder ein anderes Bild: Da sieht man zum Beispiel uralte Steine senkrecht gen Himmel wachsen. Sähe man diese Steine in Form eines Dreiecks, wäre aus der Kombination von Steinstruktur und Form klar: Dies ist eine Pyramide. Aber die aus der Form geratene Pyramide hat sich im Computer so weit verfremdet, dass sie als ontologisches Rätsel in die Welt tritt. Dies Gebilde hier kommt einem bekannt vor, aber man hat es so noch nie gesehen.

          Kunst wie Wildschwein in Schokoladenform

          Die Entkoppelung von Form und Struktur, die Freude an der Verunsicherung durch Torsion und Verfremdung ist etwas, das Gursky mit den Manieristen verbindet. Man kann seinen Augen nicht trauen: Der Erfahrungsschatz des Gehirns wird ausgekuppelt wie in den großen Trompe-l'OEils des 17. Jahrhunderts oder in der Küche des Molekularkochs Ferran Adria, der Wildschweingeschmack in Schokoladenform und Spargelsuppe in Krokettenkonsistenz serviert.

          In Gurskys Idealwelten - darin liegt ihre utopische Energie - werden Dinge sichtbar, die nicht möglich sind. Da werden eine neue Zeit und ein neuer Raum konstruiert; Aufnahmen, die hintereinander entstanden, werden in ein Bild geblendet, aus zwei Bergen wird ein deutlich höherer, eine Rennstrecke verknotet sich so kunstvoll, dass sie kaum noch befahrbar wäre, und auch Gurskys berühmtes Bild von einem Hochhaus am Montparnasse ist eine visuelle Utopie: So wie auf diesem Foto kann man das Gebäude aus keiner Perspektive sehen; das Bild ist aus zwei Aufnahmen montiert und hat zwei Fluchtpunkte.

          Die Formen überschwemmen das Bild

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