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Rubens-Ausstellung : Er wollte ein besserer Tizian sein

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Nachahmen, „pis daz er ein freie hant erlangt“: Kopien haben einen schlechten Ruf, gelten als minderwertig. Wie falsch diese Sicht ist, zeigt jetzt eine große Münchner Ausstellung zu Rubens als Kopisten.

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          Adam konnte die Katastrophe nicht verhindern. Noch berührt seine Hand Evas Schulter, doch schrickt er zurück, denn soeben nimmt sie den verbotenen Apfel an. Mit der Unschuld ist es vorbei, die Feigenblätter befinden sich bereits an Ort und Stelle – soweit Tizians Sicht des Sündenfalls. Den jüngeren Maler Rubens interessierte dieses Bild von 1550 derart, dass er es etwa achtzig Jahre später kopierte. Doch präzisiert er durch minimale Veränderungen den entscheidenden Moment. In einer leichten Drehung des Oberkörpers wendet sich sein Adam der Gefährtin zu und versucht fassungslos, sie im letzten Moment zurückzuhalten. Die Sündhaftigkeit seines Körpers hat er noch nicht erkannt, seine Blöße noch nicht bedeckt.

          Die beiden monumentalen Gemälde kamen jetzt aus dem Prado nach München in die Alte Pinakothek, die erstmals Rubens’ gemalten Kopien eine Ausstellung widmet. Das Beispiel Sündenfall illustriert, warum das Thema so spannend ist: Rubens befasst sich nicht als kleinkrämerischer Nachahmer mit dem Werk des Älteren, sondern kommentiert es in seiner Wiederholung. Offenbar versucht er, die Komposition zu verbessern. Auf jeden Fall begibt er sich selbstbewusst in einen Wettstreit auf Augenhöhe. An der Kopie klebt gewöhnlich ein Makel, da man sie heute mit Ideenklau assoziiert oder mit dem Abkupfern von etwas, das ein anderer besser konnte.

          Die Sensibilitäten höchstgestellter Auftraggeber

          Geht es um Kunstkopien, ist außerdem schnell der Verdacht von Betrügerei im Spiel – im Falle einer Rubens-Kopie eines Tizian sicherlich eine zu vernachlässigende Kategorie. Tatsächlich aber kommt der Kopie hoher Stellenwert für die Entwicklung der Kunst zu, denn seit der Frührenaissance lernten junge Künstler ihr Handwerk durch das Reproduzieren von Vorlagen: Es übte die Hand und schärfte den Blick. Dürer riet seinen Lehrlingen, sich so lange an Vorbildern zu schulen, „pis daz er ein freie hant erlangt“.

          Auch Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) lernte auf diese Weise. Bereits als dreizehnjähriger Lateinschüler in Antwerpen zeichnete er nach Büchern, die er zu Hause fand. Aber noch als ausgereifter Virtuose und gefeierter Hauptmeister des flämischen Barock kopiert er mit Stift oder Pinsel Motive Alter Meister für seinen zuverlässigen Vorrat an Gedächtnisstützen, den er häufig für Inspiration bei kompositionellen Entscheidungen nutzte. Als einer der gefragtesten und produktivsten Künstler seiner Zeit galt es in diesen Dingen gut organisiert zu sein. Als Hofmaler des spanischen Statthalterpaares Albrecht und Isabella in Brüssel, das ihn, den gewandten Kosmopoliten, mit heiklen diplomatischen Missionen quer durch Europa schickte, wusste Rubens um die Sensibilitäten höchstgestellter Auftraggeber, die er fehlerlos bediente.

          Die volle Wirkung

          Ob er habsburgische Geschichte auf die Leinwand bannte oder Maria Medici in sechzehnteiliger Folge glorifizierte – Gewänder, Rüstungen und Dekore mussten ebenso stimmen wie die Staffage biblischer und mythologischer Geschichten, auf deren Authentizität der humanistisch gebildete Künstler achtete. Da gibt es zum Beispiel einen schwarzen König, den Rubens mehrmals auf Anbetungen der Heiligen Drei Könige einsetzt. Er selbst hatte den tunesischen Prinz Mulay Ahmad nicht erlebt. Aber das Porträt des prächtig mit weißem Turban und Schwert ausgestatteten Fürsten, das ein Schlachtenmaler nach dem Kampf um Tunis vom afrikanischen Verbündeten Karls V. malte, faszinierte ihn als wertvolle Bildquelle originaler Exotik offenbar so sehr, dass er es sorgfältig kopierte.

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