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Romantik-Ausstellung in Darmstadt : Wurzelgeflechte zum Niederknien

  • -Aktualisiert am

Auerbacher Schloß, 1821, Tuschfeder und Aquarell auf Papier, 20 x 25 cm Bild: Mathildenhöhe Darmstadt/Gregor Schuster

Wer kennt heute noch August Lucas? Der Romantiker war ein Virtuose der botanischen Malerei, diesseits wie jenseits der Alpen. In einer Darmstädter Ausstellung ist sein Werk zu entdecken.

          Ein ganz Großer ist er gewiss nicht gewesen, aber ein sehr Feiner ist er ganz bestimmt. Wer kennt heute noch August Lucas? Geboren wurde er 1803 in Darmstadt, als drittes Kind des Damenschneiders Georg Friedrich August Lucas und seiner Gemahlin Anna Maria Sichlinger. Er erhält seit seinem sechzehnten Lebensjahr Kunstunterricht in der Museumszeichenschule Darmstadt. Dann ist er, nur kurz und für ihn offenbar wenig fruchtbar, 1825 in München Schüler von Peter Cornelius (von dem er dort ein ziemlich scharfkantiges Porträt gezeichnet hat).

          Cornelius’ Historienmalerei sagte ihm wenig, sein Terrain war die Natur; er kehrt heim nach Darmstadt. Alles entscheidend wird für ihn seine Zeit in Italien von 1829 bis 1834, er sieht außer Rom die notorischen Orte der deutschen Romantiker: Olevano oder Albano, Sorrent, Neapel, Pompeji und Capri. Diese Eindrücke werden seinen Duktus für den Rest des Lebens verändern, weg von einem eher freien Umgang mit Natur und Menschenbild hin zum strengeren Formideal des Klassizismus. Zurück in seiner Heimatstadt, unterrichtet er als Zeichenlehrer an der Höheren Gewerbeschule; er stirbt 1863 in Darmstadt.

          Auf romantischen Pfaden

          Die Mathildenhöhe bewahrt mehr als zweihundert Zeichnungen und Aquarelle von August Lucas. Diesen „Schatz“ haben nun Ralf Beil, der Direktor des Instituts, und sein Kurator Philipp Gutbrod ans Licht gehoben - genauer ins gedämpfte Licht einer, unbedingt erhellenden dichten Zusammenschau seines Schaffens. Es sind Blättchen - was keineswegs eine Herabwürdigung ihres Charmes ist - und durchgearbeitete Blätter. Sie zeigen Studien nach der Natur, weitschweifende Blicke über den heimischen Odenwald, später auch über die Campagna. Er muss Bäume sehr gemocht haben, ganz zeittypisch nimmt er sie gern ausschnitthaft - als Fragmente eben -, wundervolle Baumgruppen und -stämme oder Wurzelgeflechte zum Niederknien (neben dem Sujet und vor dem Zeichenstift des Künstlers).

          Es gibt frühe, wie flüchtig hingeworfene Landschaften, die später, nach der Zeit im Süden, in durchkomponierte Prospekte münden. Noch vor der Italien-Erfahrung steht, als eine unter anderen Marginalien, „wer Engel sucht“ am Rand eines ausgearbeiteten Blatts geschrieben; es zeigt das Schloss Auerbach an der Bergstraße. August Lucas hat die dramatische Burgruine 1821 gezeichnet und aquarelliert, er erfasst sie als ein Monument der deutschen Romantik schlechthin. Das Textstückchen, das der intimen Darmstädter Schau ihren Titel gibt, stammt wohl aus einer Freundschaftsode, mit der Christoph August Tiedge (selbst auch nicht wirklich erfolgreicher deutscher Poet) um 1800 seinem Vorbild, dem Aufklärungsdichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim, huldigte.

          Von Italien nach Hessen

          Rom war der Sehnsuchtsort der deutschen Künstler, das begann schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Auch in Darmstadt hatte man eine klare Vorstellung davon, was Rom mit einem Künstler macht: Das beschreibt Mareike Hennig für die Entwicklung von August Lucas in ihrem Katalogbeitrag sehr lebendig. Die Nazarener waren schon dort, als er ankommt, die deutsch-römischen Künstler sind gut organisiert, nehmen ihn auf. Er schließt sich dem älteren Joseph Anton Koch an, dessen Einfluss vielleicht nicht unmittelbar sichtbar ist, aber eingeht vor allem in die gemalten Landschaften nach der Rückkehr.

          Wenngleich nicht Engel, so doch Menschen hält Lucas bezwingend fest, innig forschende zeichnerische Notate sind diese Bildnisse, in denen zum Vorschein kommt, was später psychologische Durchdringung heißen wird. Dafür steht nicht nur die eindringliche, womöglich vorsätzlich unvollendete Porträtstudie seiner selbst aus dem Jahr 1823, das belegen auch die freundschaftsbewegten Abbilder junger Männer aus seinem Umkreis, deren unterschiedliche Temperamente geradezu fühlbar werden. Dann in Italien, und vor allem nachher, kommt er zu einem gewissermaßen kühleren Bildnisstil. Beinah bis in die Anmutung der Renaissance zurück spielen eine herrliche „Signora Clementina“ oder die „Porträtstudie einer Italienerin“ in Öl auf Papier. An der Clementina ist besonders gut zu erkennen, wie August Lucas vom weichen Malerischen seiner Frühzeit in eine stärker graphische Auffassung hinüberwechselt. Das Selbstbewusstsein als Künstler nimmt er dann mit zurück nach Darmstadt.

          Mit ihrem Konvolut aus dem Depot leistet die Darmstädter Mathildenhöhe einen schönen Beitrag zur Öffnung jenes noch immer wachträumenden Archivs, das deutsche Romantik, das deutsches neunzehntes Jahrhundert heißt. Die Engelsgeduld, darauf blicken zu wollen, liegt jetzt beim Betrachter.

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