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Rogier van der Weyden im Prado : Architekt der Passionen

Nach Jahrhunderten wieder sichtbar: Der Prado zeigt eine restaurierte Kreuzigung von Rogier van der Weyden und eine fabelhafte Ausstellung um das Werk herum.

          5 Min.

          Als Philipp II. von Spanien noch kein König, sondern ein neugieriger, kulturell einigermaßen aufgeschlossener Thronfolger war, sah er bei seiner Tante Maria von Ungarn in Brüssel ein Gemälde, das heute als größtes Werk von Rogier van der Weyden gilt: die Kreuzabnahme. Mit Philipps Begeisterung für das um 1443, also gut hundert Jahre zuvor, entstandene Ölbild begann die spanische Sympathie für die frühe flämische Filigrankunst. Mehrere wichtige Werke des Meisters, der um 1399 in Tournai geboren wurde und 1464 als Stadtmaler in Brüssel starb, landeten in den königlichen Sammlungen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wir haben uns allerdings daran gewöhnt, bei Rogier van der Weyden die Lücken und den Verlust gleich hinzuzudenken. Seine Identität, besonders seine Lehrzeit bei Robert Campin, dem angeblichen „Meister von Flémalle“, gibt immer noch Rätsel auf. Viele seiner Bilder wurden vernichtet wie die vier monumentalen Brüsseler Gerechtigkeits-Tafeln, die vor mehr als dreihundert Jahren einem Brand zum Opfer fielen. Oder sie verschwanden in Privatsammlungen. Oder aber sie vergammelten, bekamen Risse und wurden – manchmal tölpelhaft – überpinselt und geflickt.

          Das war auch der Fall bei der Kreuzigung. Das Werk sei so stark beschädigt und übermalt, schrieb der niederländische Kunsthistoriker Dirk De Vos in seiner Monographie von 1999, „dass man sich von der ursprünglichen Komposition nur mehr eine Vorstellung machen kann“. Auch die Art der Ausführung oder das originale Kolorit seien „kaum mehr einschätzbar“. Gemessen an dieser Beschreibung, die der Rezensent aus früheren Besuchen im Escorial bestätigen kann, grenzt die Restaurierung des Werks an ein Wunder.

          Passionen im Goldenen Schnitt

          Ein kurzer Film in der jetzt in Madrid präsentierten Ausstellung „Rogier van der Weyden und die Königreiche der Iberischen Halbinsel“ zeigt, was die Restauratoren des Prado und der staatlichen Kunstbehörde Patrimonio Nacional alles tun mussten, um der Welt die mehr als drei Meter hohe Leinwand zurückzugeben: alle dreizehn Querbalken des Holzrückens aus baltischer Eiche lösen, reinigen, teils ersetzen, leimen und neu zusammenfügen; Risse im Bild reparieren; das Gemälde wieder aufspannen; alten Schmier wegtupfen, verlorene Farbe ergänzen, Konturen erneuern, das alles in Millimeterschritten und gemäß Infrarotanalysen, die den Malprozess entschlüsseln und in Phasen zerlegen. Vier Jahre Arbeit für ein Team von Experten. Vor der Rückkehr in den Escorial darf die hellstrahlende Kreuzigung nun im Prado drei Monate lang das Publikum beeindrucken, zusammen mit anderen Hauptwerken Rogiers – der Kreuzabnahme, der Durán-Madonna, dem Berliner Miraflores-Altar, dem Triptychon mit den sieben Sakramenten aus Antwerpen und Bildern weiterer Künstler, die den enormen ästhetischen Einfluss des Flamen belegen.

          Aus zeitgenössischen Berichten wissen wir, dass Rogier die Gewänder von Maria und Johannes dem Evangelisten in der Kreuzigung weiß malte, nicht grau-braun, wie sie seit mehreren hundert Jahren zu sehen waren. Weiß wie Marmorskulpturen. Weiß, um mit dem roten Tuch zu korrespondieren, das der intimen Kreuzigungsszene als Hintergrund und Baldachin dient. Je länger man das Bild anschaut, desto stärker wird der Eindruck von tiefer Versenkung in die Passionsgeschichte, aber auch von der extremen Künstlichkeit des Arrangements. Das wird schon an dem acht Quadrate hohen und fünf Quadrate breiten Tuch offenbar, das wie ein Manifest die Proportion des Goldenen Schnitts wiederholt: Rogier van der Weyden, Architekt der Passionen. Zu Füßen der Figuren sehen wir die Andeutung des Bergs Golgatha, aber dahinter keine Landschaft mehr, sondern neutrales Grau. Abermals die Frage, die mit dem Meister von Flémalle in die flämische Kunst kam: Malerei oder Relief? Bild oder Plastik? Rogier spielt mit den Signalen und erweist sich gerade darin als autonomer Erfinder, der beides zugleich wollte, Abstraktion und Seelendrama.

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