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Robert-Wilson-Ausstellung : Es ist genug Aura für alle da

Robert Wilson grüßt Max Ernst: „The Hat Makes The Man“. Bild: Max Ernst Museum Brühl/Lucie Jansch

Ohne die Schuhe von George Balanchine ist ihm das Leben verleidet: Mit seiner Ausstellung in Brühl präsentiert sich der Regisseur Robert Wilson als leidenschaftlicher Sammler von Kuriositäten.

          Alles ist erleuchtet. Wenn sich die schwarz verklebten Türen zum Ausstellungstrakt im Keller des Max Ernst Museums in Brühl öffnen, sieht man sofort die perfekte Lichtregie. Kein Zweifel: Robert Wilson war hier. Er hat die Ausstellung von Objekten aus seiner privaten Sammlung tatsächlich selbst eingerichtet. Hunderte von Dingen hängen und stehen hier; Schildchen gibt es nicht, dafür ein Begleitheft mit knappsten Herkunftsangaben.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Es überwiegen Gegenstände des Typs, die nicht als Kunstwerke und nicht in Großstädten hergestellt worden sind, aber den Künstlern der Avantgarde seit etwa hundert Jahren als Muster eines Schaffens dienen, das sie sich automatisch vorstellen, antiindividualistisch, wie von Geisterhand geleitet: Ahnenmasken, Totemtiere und Fetische, Requisiten für Kämpfe und Feste. Dazwischen ein paar unscheinbare Werke zeitgenössischer Künstler, etwa eine Gruppe von Porzellantier-Kleinplastiken von Heidi Manthey. Außerdem Erinnerungsstücke wie die ausgetretenen Schuhe der Choreographen George Balanchine und Jerome Robbins.

          Aber in diesem mechanischen Ballett gibt es keinen Verdrängungskampf um die Plätze in der Chorus Line. Der Regisseur teilt das Licht so gleichmäßig zu beziehungsweise so raffiniert ungleichmäßig, dass jedes Stück auf seinem Sockel oder Wandfleck für sich schimmert, ohne den Nachbarn in den Schatten zu stellen. Die Wunderkammer als demokratische Utopie: Es ist genug Aura für alle da. Auf den ersten Blick verspricht das Arrangement eine euphorisierende Wirkung: Man versteht, dass man nicht in einem Museum ist, wo irgendwann immer der Punkt kommt, da man ungerecht wird und Vitrinen, Säle, Trakte links liegenlässt. So ist es aber zweifelhaft, ob in Brühl wirklich Wilsons Sammlung ausgestellt ist oder ein Abbild dieser Sammlung, ein mit gewaltigem Aufwand hergerichtetes Simulacrum.

          Auf dem Rondell: Robert Wilsons gesammelte Werke.

          Denn zu einer echten Sammlung gehört ein Überhang. Jeder Sammler hat von irgendetwas zu viel angehäuft, selbst wenn er sich eine Höchstgrenze der Sammelstücke auferlegt hat und für jede Neuanschaffung etwas abstößt. Dass solche Ansammlungen inmitten der Sammlung unvermeidlich sind, liegt schon daran, dass das Sammeln immer in der Vergangenheit stattgefunden hat. In dem Moment, da die Sammlung gezeigt wird, haben sich Interessen und Geschmäcker schon verschoben. Entlang des Brühler Parcours verteilt Wilson die Objekte so geschickt, dass der Gedanke an die immanente Geschichtlichkeit der Sammlung, die Wucherungen und Wurmfortsätze ihrer Evolution, gar nicht erst aufkommt.

          Er scheint selbst bemerkt zu haben, dass der Typus des erratischen Objekts, der Solitär, fehlt. Diese Kategorie wird künstlerisch repräsentiert, durch Platzhalter, Findlinge im Wortsinn: grüngraue Steine aus dem nahen Rhein. Der eine oder andere liegt nicht auf einem Podest, sondern auf dem Boden. Aber diese in der Natur gefundenen Objekte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie als dekoratives Füllmaterial zusammengeklaubt wurden. Sie sind nicht der Ballast, den jede Sammlung mit sich herumschleppt; schwer vorstellbar, dass die Akten der Steinsammlung bei einem Umzug verlorengegangen sein könnten.

          Brühl: Die Kuriositäten-Ausstellung des amerikanischen Regisseurs Robert Wilson besticht mit ihrer einmaligen Lichtinstallation.

          Eine Sammlung ergibt ein Porträt des Sammlers. Hier wird zu den Bezügen des Sammlers zu seinen Besitztümern nichts mitgeteilt. Das Absehen vom Anekdotischen führt dazu, dass das Künstlerbild trivial bleibt. An einer Wand hängen Entwürfe für Wilsons Bühnenbild der „Dreigroschenoper“, einfachste waagerechte Schraffuren, in der Nachbarschaft eines quadratischen Holzreliefs von Joseph La Piana, eines dreidimensionalen abstrakten Bildes von ikonischer Wucht: Hommage an die Horizontale. Aber soll damit etwas über die Arbeitsweise von Wilsons räumlicher Phantasie gesagt sein? Nun erhebt die Ausstellung keinen dokumentarischen Anspruch. Die Sammlung wird in ein Kunstwerk verwandelt, weil Wilson nun einmal ein weltberühmter Bühnenkünstler ist.In den Ateliers der Avantgardisten wurden die Skulpturen der früher primitiv genannten Kulturen aufgestellt, weil die Künstler an ihre magische Wirkung glauben wollten: Die Energie des Gottes des Kampfes oder der Freude sollte auf den schöpferischen Sammler übergehen. In Wilsons Brühler Schatzhaus aus Licht neutralisieren die Götzen einander.

          Mit dem Prinzip des begehbaren Albums erweist der Gast selbstverständlich dem Hausgott die Ehre. Wie Twitternutzer in den vergangenen Tagen Meisterwerke der Kunstgeschichte im Medium des belegten Brotes nachgebildet haben, so stellt Wilson Josef Breitenbachs Fotografie von Max Ernst vor dem Pariser Ateliertisch als Rauminstallation nach, mit echten Waffen, Masken, Figuren und Schmuckstücken aus Papua-Neuguinea, Gabun und Kiribati. Der Versicherungswert ist unendlich viel höher, der Witz fehlt.

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