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Rijksmuseum wieder geöffnet : Das Böse und die Universalkunst

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Konzipiert als Depot der Alltagsgeschichte

Ja, nun merkt man der Regie wieder an, dass in diesem Riesensaal einige der bedeutendsten Gemälde der Menschheitsgeschichte hängen. Rembrandts erschütternd lebendiges Sechserporträt der „Staalmeesters“ kriegt eine eigene Anthrazitwand. Und alles läuft auf die rektanguläre Apsis zu, an deren Stirnwand wie immer - nur jetzt mit viel Oberlicht und Ornament umschmeichelt - die sogenannte „Nachtwache“ prangt; ein güldenes Buchstabenfries verewigt Rembrandts Biographie in Kurzform unter der Decke. Es ist der vollständige Triumph des Historismus über die griesgrämige Moderne, denn die Farben wirken auch darum nie aufdringlich und grell, weil man sich in der Abmischung kokett an der braungrauen Palette der Nachtwache orientierte.

In den noblen Seitenkabinetten breitet das Haus als einzige Galerie von Weltrang nun nicht nur (wie Wien) die Wunderkammern aus - all die edel glänzenden Schätze der Ostindien-Kaufleute mit ihren Straußenpokalen und Silberservicen, mit Flintengewehren, Chinatulpenvasen oder dem uniquen Riesen-Puppenhaus eines reichen Mädchens von 1676. Das Rijksmuseum, das von Beginn an weise als realienkundliches Depot der Alltagsgeschichte konzipiert war, geht konsequent weiter: Großartig und wie eine Assemblage der Arte povera die bunten Wollmützen, die man 1980 auf den Totenschädeln niederländischer Walfänger und Trankocher in Spitzbergen fand. Sie prunken nun mit ihren individuellen Mustern unter einer Spitzbergener Walvedute - und gleichberechtigt neben den überquellenden und satten Schützenstücken der Kaufmannsgilden, die an der Schinderei am Polarkreis so gut verdienten.

Werke vergessener Malerinnen

Dass das Rijksmuseum keine Monarchensammlung der Weltkunst, sondern ein genuin holländisches Haus ist, merkt man nicht nur in der kargen Renaissance-Abteilung, sondern auch beim Zwischengeschoss mit den oft unterschätzten, aber dann doch nicht recht maßgeblichen Werken der windstillen Residentenzeit im 18. Jahrhundert. Seit dieser Epoche blickt die niederländische Kunst rückwärts. Denn da war die einmalige Explosion der Bildergenies mit ihren Austernstillleben, Seeschlachten, häuslichen „Doorkijkjes“ und Gruppenporträts einer Art lieblichem Prä-Biedermeier gewichen, in dem später ein Meister wie Willem Witsen Vermeers Stil an Hafenmolen nahezukommen suchte.

Gerade darum lohnt auch der Gang ins Obergeschoss zu den niederländischen Impressionisten, zur Haager Schule mit ihrem Großstadtflair im Polder und zur beginnenden Moderne mit Toorop, Mondrian, Van Gogh. Die verlogen-triumphierende Kolonialpinselei der Pflanzer aus Indonesien kommt, klug kommentiert, ebenso zu ihrem Recht wie die vergessenen Feministinnen der Malergruppe „Amsterdamse Joffers“ um 1900. Ganz oben unterm Dach leistet sich Direktor Wim Pijbes den Jux eines kompletten Doppeldeckers vom holländischen Flugpionier Frits Koolhoven. Unweit steht gleich neben einer originalen KZ-Uniform das unfassbarste Schaustück dieses Nationalmuseums: ein Schachspiel aus Keramikpanzern, Bömbchen, Kradfahrern und Scharfschützen, das Himmler dem holländischen Oberkollaborateur Mussert schenkte: „Schachmatt 1939-40“ steht da zynisch neben einer Aufzählung von Nazi-Eroberungen.

Es gehört sehr souveränes historisches Bewusstsein dazu, so etwas Böses neben Universalkunst zum Niederknieen von Vermeer und Rembrandt auszustellen. Doch das Konzept dieser neu geborenen Jahrtausendschau endet ja nicht 1940, sondern zieht den Bogen vom frühromanischen Egmont-Tympanon des Grafen Dirk VI. bis hin zu sperrigen Gegenwartsmöbeln und einem kecken Mondrian-Kleid, wie man es noch draußen in den vielen Secondhandläden des De-Pijp-Viertels finden kann. Überhaupt draußen - da geht es weiter. Bis 2014 bekommt das Haus noch einen neuen Ausstellungsflügel, ein Spitzenrestaurant, eine kleine Parklandschaft. Und was für echte Amsterdamer das Wichtigste war: Nach heftigen Protesten blieb der breite Fahrradweg unterm Museum entgegen den ersten Entwürfen erhalten.

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