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Richard Serra im MoMA : In Stahlplattengewittern

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Serras Aufstieg zum gefeierten Kunststar und Alten Meister hat geradezu surreale Züge. Eine Kontroverse, wie er sie noch 1981 auszulösen vermochte, scheint nunmehr undenkbar. Damals war sein „Tilted Arc“ auf der Federal Plaza bei New Yorkern derart unbeliebt, dass die Skulptur, gegen seinen wütenden Protest, schließlich entfernt wurde. Und bis heute eingelagert bleibt. Gegen das, was er als Banausentum empfand, verteidigte Serra eine Kunst, die weder demokratisch zu sein noch das Volk zu amüsieren habe. Jetzt gibt es Stimmen, die seine Popularität als Musterbeispiel für den Sinnenwandel eines Publikums anführen, das nach traditioneller Verzögerung schließlich zur Avantgarde aufzurücken pflegt.

Nicht enden wollende Gänge

Könnte sich aber nicht auch der Avantgardist verwandelt, wenn nicht besänftigt haben? Im zweiten Stock, wo Serra neue Werke zeigt, vergnügen sich Besucher wie in einem stählernen Irrgarten, im künstlerischen Konzentrat eines Abenteuerspielplatzes. „Band“, „Sequence“ und „Torqued Torus Inversion“ steigern noch einmal die Dimensionen und die Virtuosität in der Bearbeitung des Materials, das sich in atemraubende Mäander, in umkehrbare Riesenformen, in vertikale und horizontale Kurven und nicht enden wollende Gänge ergießt. Dramatisch verstärkt sich im geschlossenen Raum die Unübersichtlichkeit und Unheimlichkeit der 550-Tonnen-Apparate, die nicht unbedingt mehr zwischen außen und innen unterscheiden. Ihr verführerisches Spiel ist in den Monstersälen, die im Neubau des MoMA schon in Hinblick auf Serras Monumentalkunst eingerichtet wurden und nun erstmals ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen, aber auch durchtränkt von Gefahr, von Ungewissheit und existentieller Bedrohung.

Wandlungswege und Beharrungskräfte des Künstlers enthüllen sich im Rückblick auf seine Arbeiten der sechziger Jahre. Mit ihnen beginnt die Schau im sechsten Stock, wenn auch die meisten Besucher sie wohl erst am Ende ihres Rundgangs entdecken. Fast modellhaft werden da künstlerische Wurzeln freigelegt, die streng modernistisch gedüngt wurden und hinabreichen in den Humus minimalistisch ruppiger, schmutziger, haargenau durchstrukturierter Prozesse. Blei und vulkanisierter Gummi waren die ersten Industrieprodukte, die Serra für seine Experimente, seine Balanceakte und Spannungsfelder zwischen Schwerkraft und schweren Materialien, zwischen Volumina, Räumen und raumgreifenden Flächen verwendete. Von poppiger Distanz und ironischer Unterhaltungskunst ist aber auch gar nichts in diesen deftigen Fingerübungen zu spüren.

Noch als Stahlvirtuose ist nun Serra unbeirrt in seinem Glauben an die Kraft einer abstrakten Moderne, die auf den Beistand überfrachteter Konzepte verzichten kann und es doch fertiggebracht hat, Skulptur neu und kraftvoll, aber alles andere als kraftmeierisch zu definieren. In subtilen Variationen gießt er gewaltige Kunstwerke seit den siebziger Jahren in Stahl, und Ideen dafür gehen ihm offensichtlich nichts aus. Unterhaltsam, wie sie jetzt sein mögen, haben sie nichts an radikaler Unerbittlichkeit verloren. Es ist eine Kunst, die, wie er sagt, nichts mit Natur und Architektur zu tun hat, obwohl wir sie begehen und durchwandern sollen. Jeder Spaziergänger aber ist bei ihm auf eigene Gefahr unterwegs.

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