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Richard Pettibone : Ich bin heute ein besserer Warhol als damals

  • -Aktualisiert am

Andy Warhol starb am 22. Februar 1987, heißt es. Stimmt aber nicht. Er malt immer noch und signiert jetzt mit „RP“. Im Interview erzählt Richard Pettibone, warum sein Leitstern Warhol ein „Schlamper“ und Michael Schumacher sein Lieblingsdeutscher ist.

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          Er hat das Kunststück fertiggebracht, als Kopist zum Pionier zu werden: Richard Pettibone, 1938 in Kalifornien geboren, ist einer der Väter der sogenannten Appropriationskunst. Mit seiner Spielart des künstlerischen Recycling beruft Pettibone sich auf Marcel Duchamp. Ohne Andy Warhol aber, dessen Werke er häufiger und stetiger kopierte als die jedes anderen Künstlers, ist seine Malerei gar nicht denkbar. Sein gemalter Kommentar zur Originalitätssucht abendländischer Kunst entzündet sich also ausgerechnet an einem Künstler, der selbst schon seine subversiven Spiele mit der Originalität trieb. Mittlerweile hat der Imitator sein Vorbild kunsthistorisch wie preislich eingeholt: Kritiker feiern ihn, für seine Werke werden sechsstellige Summen bezahlt.

          Mr. Pettibone, wo und wann haben Sie Andy Warhol zum ersten Mal getroffen?

          Das muss in den sechziger Jahren gewesen sein, ans genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls war ich damals nach New York gekommen, um einigen Galeristen meine Arbeiten zu zeigen, und weil ich gerade Warhols gemalt hatte, rief ich auch Warhol an. Er sagte, komm' rüber, und da bin ich halt zu ihm gegangen.

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          Was haben Sie ihm gezeigt?

          Ich hatte in einem Pappkarton ungefähr fünfundachtzig kleine, detaillierte Gemälde von Ausschnitten aus seinen Suppendosenbildern. Er fand das sehr lustig und hat gleich Leo angerufen . . .

          . . . das war der heute legendäre Galerist Leo Castelli . . .

          . . . ja, und so hat es sich eben ergeben, dass die Leute meine Bilder zu sehen bekamen.

          Hatten Sie keine Angst, ihm Bilder seiner eigenen Bilder zu zeigen?

          Nein, Angst hatte ich nicht. Ich wusste nur nicht, ob er mich verklagen oder sonst was passieren würde. Aber ich wollte erst mal höflich sein und ihm die Sachen zeigen. Ich dachte, ich sollte es tun. Es war für mich der nächste logische Schritt, und er hat das alles total kapiert. Er mochte die Bilder.

          Sind Sie dann in den folgenden Jahren oft zu ihm gegangen?

          Wir haben uns nicht gut gekannt, ich habe ihn nur noch zweimal getroffen. Ich war nie mit dabei in der Factory, das war alles zu verrückt für mich, zu schaurig. In den siebziger Jahren habe ich ihn einmal fotografiert, in der gleichen Pose, die er auf einem Selbstporträt eingenommen hatte, mit Händen vorm Gesicht. Und dann war ich kurz vor seinem Tod bei ihm, als ich eine Serie von zweiunddreißig Suppendosen herausbrachte.

          Wie fand er das?

          Er fand es toll, ich habe ihm ein Bild geschenkt, und er sagte, da fehlt doch dann eins im Set, und ich sagte, na, dann ersetze ich's eben. Ich habe ihn noch gefragt, welche Suppe er denn wolle, und er hat sofort geantwortet: Tomatensuppe.

          Haben Sie zu dieser Zeit noch in New York gelebt?

          Ich bin hierher aufs Land Mitte der siebziger Jahre gezogen. Als ich noch in New York war, habe ich mir immer gern Warhols Filme angeschaut, die in kleinen, schmuddeligen Kinos gezeigt wurden, wo man sich ein paar schlimme Krankheiten holen konnte.

          Wie kamen Sie überhaupt dazu, seine Kunst in die ihrige zu verwandeln?

          Das erste Bild, das ich nachmalte, war ein Lichtenstein. Ich habe es getan, weil damals jeder so etwas tat, ohne es zuzugeben. Überall war nur Pop-art zu sehen, und wenn ich vor einem Bild stand und sagte, hey, das sieht wie ein Lichtenstein aus, dann war der Maler prompt sauer. Also habe ich mich entschlossen, das Kind beim Namen zu nennen, und habe angefangen, nicht wie Lichtenstein, sondern einen Lichtenstein zu malen. Erst war es fast ein Witz, aber als es fertig war, dachte ich mir, Mensch, das ist eines der besten Bilder, die ich je gemalt habe. So ging es eben weiter. Es war ein Lernprozess.

          Und was haben Sie gelernt?

          Ich habe zuerst geglaubt, ich gäbe mich damit auf. Aber im Laufe der Zeit ist mir aufgegangen, dass das gar nicht möglich ist. Ich bin mir fast wie ein Schauspieler vorgekommen, der eine Rolle spielt. Ich konnte Lichtenstein sein oder Andy Warhol oder wer auch immer. Bis ich einsah, dass auch das nicht stimmte, denn nicht jede Kunst lädt derart zum Kopieren ein wie die von Andy Warhol.

          Haben Sie denn einen Picasso oder Duchamp anders kopiert als einen Warhol?

          Ganz anders, natürlich. Was mich an Warhol faszinierte, kann ich gar nicht sagen, aber er fasziniert mich weiter. Zurzeit arbeite ich an Gemälden seiner Kisten von Heinz-Ketchup und Campbell's Tomatensaft und Mott's Apfelsaft und Kellogg's Cornflakes und all den anderen Sachen.

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