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Restitution : Wie national ist Kunst?

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Restitutionen könnten als Säuberungsakte verstanden werden

Diese nationalen Mustererzählungen sind vielleicht verblasst, gänzlich überwunden sind sie durchaus nicht. Wenn derzeit die Rückgabe von Kunstwerken gefordert wird, die geraubt oder sonst unrechtmäßig in Besitz gebracht worden sind, dann berührt das juristische und auch moralische Fragen, die natürlich dringender Klärung bedürfen. Wenn im selben Zusammenhang aber auch identitäre Zuschreibungen erfolgen, die der Kunst letztlich wesenhafte Qualitäten attestieren, welche ihre Zugehörigkeit zu einem spezifischen nationalen Erbe begründen, dann argumentiert die Kunstgeschichte gleichsam geopolitisch und folgt damit einer ihrer unseligsten Traditionen. Dann setzt sie sich auch der Gefahr aus, dass die vorgeschlagenen Restitutionen plötzlich vielleicht auch als Säuberungsakte verstanden werden, mit denen die eigenen Sammlungen von Fremdem gereinigt werden sollen.

Gegenseitige Durchdringung der Kulturen: Eine Maske aus Kamerun und ein Stilleben des Expressionisten Karl Schmidt-Rotluff.

Mit der Wortschöpfung von den „Bilderfahrzeugen“ hat Aby Warburg eine Handreichung gegeben, die der Fremdbestimmung der Kunst durch willkürliche nationale Überschreibungen entgegentritt. Auch ein anderer früher Vertreter seines Faches, der von ihm verehrte Jacob Burckhardt, hatte solcherart operiert. Als er im Auftrag und in Zusammenarbeit mit Franz Kugler die Neubearbeitung des 1847 in zweiter Auflage erschienenen, enorm populären „Handbuchs der Geschichte der Malerei“ übernahm, veränderte er den Aufbau der Gliederung des Handbuchs. In der ersten Auflage war sie noch nach Nationen, also Italien, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und England vorgenommen worden. Die alte Ordnung nach „Völkern“ so schreibt Burckhardt, sei jetzt im Sinne der „Anforderungen höherer geschichtlicher Art“ aufgegeben worden. Stattdessen habe man sich für eine „synchronistische“, sollte heißen: eine „nach dem inneren Zusammenhang der Entwickelung verlangte Anordnung entschieden“.

Beharren auf wechselseitiger Durchdringung

Dieser Verzicht auf eine Kunstgeschichte der Nationen korrespondiert unmittelbar mit der Geschichtsphilosophie von Burckhardts Basler Zeitgenossen, dem Rechtshistoriker und Anthropologen Johann Jakob Bachofen, zu deren Grundbegriffen die „räumliche Universalität“ der Entwicklungsabläufe zählt, aus der konsequenterweise die „absolute Entwertung aller geographischen Daten“ resultiert. Das redet nicht einer gleichförmigen „family of art“ das Wort, weil die Bildwanderung immer auch Transformationen und Assimilationen erzeugt. Es wäre aus Burckhardt und Warburg aber zu lernen, dass Werke der Kunst ein unveräußerliches Eigenrecht beanspruchen, das nicht national abgegolten werden kann.

Beide widmeten sich der europäischen Kunst. Und doch ist gerade ihre Lektion geeignet, auch im Umgang mit den außereuropäischen Künsten und Kulturen auf der transnationalen, oft ja auch wechselseitigen Durchdringung zu beharren und patrimonistische Zuschreibungen wohl juristisch, aber nicht ideologisch vorzunehmen. Die Kunstgeschichte ließe so ihre unglückselige Geburt aus dem Geist der Nationalstaaten hinter sich und erinnerte sich zweier Vordenker, die ihr bei solcher Erneuerung offenbar noch immer unentbehrlich sind.

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