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Restaurator im Gespräch : Was wird aus Tutanchamuns Bart?

Die berühmte Goldmaske in Kairo hat Klebstoff am Kinn, und niemand weiß genau, woher der kommt – wie kriegt man den jetzt wieder ab? Ein Gespräch mit Christian Eckmann, der Tutanchamun in Kairo untersucht hat.

          In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die Totenmaske des Tutanchamun im August 2014 Opfer einer stümperhaften Restaurierungsmaßnahme geworden ist. Bei Reparaturarbeiten im Ägyptischen Museum Kairos war der Bart der Maske offenbar abgefallen und anschließend notdürftig wieder festgeklebt worden. Wer dies getan oder veranlasst hat, ist bisher unklar. Jetzt wurde der Leiter der Restaurationsabteilung strafversetzt: Ilham Abdel Rahman muss fortan seinen Dienst im Streitwagenmuseum verrichten. Die Klebenaht war sichtbar, fiel aber erst vor kurzem auf. Zu einer vorläufigen Schadensanalyse bestellte der ägyptische Minister für Altertümer, Mamdouh El-Damaty, den Restaurator Christian Eckmann vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, der sich gerade im Rahmen eines Restaurierungsprojekts in Kairo aufhält. Eckmann durfte die Maske am vergangenen Wochenende eine Stunde lang in Augenschein nehmen und stellte dem Minister anschließend ein Änderungskonzept vor.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          ***

          Was ist im vergangenen August mit der Tutanchamun-Maske passiert?

          Beim Auswechseln von Beleuchtungskörpern an der Panzerglasvitrine war offenbar ein Mitarbeiter an die Maske beziehungsweise den Bart gestoßen, der mehr als zwei Kilogramm wiegen soll. Wir vermuten, dass die Klebung, die erst 1941 vorgenommen wurde – die Maske hatte da schon einige Jahre im Museum gestanden –, sich altersbedingt gelockert hat. Es genügte ein kleiner Stupser, und der Bart fiel ab. Er ist aber nicht abgebrochen. Maske und Bart waren nicht aus einem Stück gearbeitet. Es sind zwei Stücke, die man ursprünglich mechanisch miteinander verbinden konnte. Allerdings stand dazu nur eine kleine Auflage am Kinn der Maske, ein schmaler Goldring, zur Verfügung. Vielleicht hat auch Howard Carters Restaurator Alfred Lukas in den zwanziger Jahren aus diesen Gründen auf eine Fixierung des Bartes verzichtet.

          Sind am Bart selbst durch den Fall Schäden entstanden?

          Nein, das konnte ich bisher nicht feststellen. Die abermalige Klebung scheint sehr stabil zu sein, es besteht also keine akute Gefahr für die Maske. Ästhetisch wertvoll war die Restaurierung allerdings nicht. Sie wurde hastig und handwerklich nicht sauber durchgeführt.

          Welcher Klebstoff wurde zur behelfsmäßigen Befestigung im vergangenen Jahr verwendet?

          Das ist bisher nicht klar. Es gibt keine Unterlagen dazu, jedenfalls sind sie mir nicht zugänglich. Wir vermuten aber, dass ein Epoxidharzkleber verwendet wurde, der in der Restaurierung als schwieriges Material gilt, weil er sich nur schwer, etwa durch Aceton, lösen lässt.

          Wie schwierig wird eine Neurestaurierung?

          Eine Neurestaurierung wäre in jedem Fall eine delikate Operation, ist aber in meinen Augen machbar. Es gibt behutsame mechanische Möglichkeiten, Kunstharz schadensfrei zu entfernen. Es gibt auch Lösemittel, mit deren Hilfe man Kunstharze, natürlich kontrolliert, aufweichen kann. Die Oberfläche von Goldobjekten ist einerseits sehr empfindlich, andererseits chemisch sehr stabil. Erschwerend kommt hinzu, dass Maske und Bart über Einlagen aus Lapislazuli und anderen Stoffen verfügen, die durch chemische Mittel angegriffen werden könnten. Da man sich langsam vorarbeiten muss – Sie dürfen nur Holzspachtel und Plexiglasschaber einsetzen –, kann das einige Wochen dauern, im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung sogar Monate.

          Welche Maßnahmen haben Sie dem Minister vorgeschlagen?

          In einem nächsten Schritt müsste man die Maske und die Klebestelle noch intensiver untersuchen. Der Klebstoff aus dem vergangenen Jahr muss in jedem Fall entfernt werden, vielleicht auch noch vorhandene Rückstände aus den vierziger Jahren. Anschließend sollte eine zuverlässige Neufixierung erfolgen, die hoffentlich noch einmal siebzig Jahre lang hält. Ich habe dem Minister vorgeschlagen, hierzu eine Expertengruppe einzurichten.

          Wie würde man den Bart nach dem heutigen Stand der Restaurierungstechnik befestigen?

          Um das zu sagen, müsste ich das Innenleben des Bartes und die antike Befestigungsform genauer kennen. Der Bart scheint mit Ton gefüllt zu sein, vielleicht sind aber auch noch andere Materialien im Spiel. Erst wenn man genau weiß, ob man es mit „Gold auf Gold“ oder „Keramik auf Gold“ zu tun hat, kann man sich für einen geeigneten Verbindungsstoff und die geeignete Methode entscheiden.

          Warum ist der Bart mit Ton gefüllt?

          Vielleicht hängt das mit der Herstellung zusammen. Man muss ja eine gewisse Auflagemöglichkeit haben, um das Gold filigran zu verarbeiten. Vielleicht diente die Tonfüllung aber auch als zusätzliche Stabilisierung.

          Was ist das für ein Projekt, an dem Sie gerade in Kairo am Ägyptischen Museum arbeiten?

          Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt von DAI, dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum, der Universität Tübingen und dem Ägyptischen Museum in Kairo. Wir untersuchen einen Fundkomplex aus dem Grab des Tutanchamun, der zusammen mit der Maske Anfang der zwanziger Jahre gefunden wurde. Es handelt sich um reichverzierte Goldblechapplikationen, die mit Leder und Textil hinterlegt sind und wohl im Kontext der im Grab gefundenen Streitwagen stehen. Da sie unzusammenhängend auf dem Boden lagen, konnten sie in ihrer Funktion bisher nicht eindeutig zugeordnet werden. Sie wurden bislang weder wissenschaftlich untersucht noch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Man vermutet, dass es sich nicht um Wagenteile handelt, sondern um Elemente, die am Wagen befestigt waren, zum Beispiel Bogenkästen, Köcher, Pferdezaumzeug. Die Objekte befinden sich in einem sehr schlechten Zustand. Für die Forschung und Restaurierung sind sie äußerst interessant, weil es kaum Vergleichsstücke gibt. Unsere Aufgabe ist es, die Gegenstände zu konservieren und technologisch zu untersuchen.

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus.

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