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Renoir in Basel : Hier lauert kein Glück, sondern der Fehltritt

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In Europa gilt manchem Renoirs Werk als zu gefällig. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel befreit den französischen Maler von diesem zähen Verdacht.

          3 Min.

          Sie hält uns die Wange hin. Renoirs Debütantin in der Erwachsenenwelt. Sie ist aus der National Gallery, London, nach Basel angereist, wurde 1876 von Renoir gemalt und bildet eines der Schlüsselbilder für „Renoir. Zwischen Bohème und Bourgeoisie“. Die englische Malerei, so meinte Kenneth Clark 1935, sei Renoir viel näher als die französische Schule. Fließende Malerei ohne Konturen, Interesse am Porträt (selten bei den Impressionisten, wie der Schweizer Kunsthistoriker Emil Maurer hervorhob), aber vor allem die transparenten Farblagen, die leichte und luftige Pinselschrift und die über Diagonalen konstruierten Kompositionen brachten Renoir Clarks Urteil ein: Er sei „Gainsborough näher als dem theatralischen Stil von Fragonard oder der Dekoration von Boucher.“ Eine bis heute erfrischende Perspektive.

          Das hat Renoir bitter nötig. Der Maler selbst setzte auf Risiken ästhetischer und inhaltlicher Art, die verstellt sind zugunsten des Klischees vom Glücksmaler süßlicher Prima-Malerei. Zur Bereinigung der Klischees bieten altbewährte kunsthistorische Einordnungen kein Allheilmittel. Auch nicht, wenn das Oeuvre per Gattung oder Format streng durchdekliniert wird. Gerade das so interessante, zeitgleich Verstörende wird so ausgeblendet. Und das ist in dem heterogenen Werk bis ungefähr 1880 zu sehen, das Basel mit fünfzig Gemälden in den Blick rückt, darunter szenische Porträts, Stillleben, Landschaften und nicht zuletzt die ganzfigurige „Reiterin im Bois de Bologne“ (1873) aus der Hamburger Kunsthalle.

          Die sechziger und siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, das ist die Zeit, in der Renoir selbst sozial und finanziell noch prekär dasteht, es ist die Zeit, in der er, der ärmliche Bohemien in Argenteuil Seite an Seite mit Manet malt, der ihm jedes Talent abspricht. Genüsslich wird der zum Bourgeois aufgestiegene Renoir Jahrzehnte später diese Anekdote bestätigen.

          Sein Londoner Mädchen hat Renoir wie eine Testperson in den sozialen Mikroraum der Theaterloge gesetzt. Sie könnte auch auf einem Zolaschen Seziertisch liegen. Ein Hauch erregter Röte überzieht ihre Haut, von keiner Erzählung, von keinem Firnis geschützt. Diese Schutzlosigkeit hat tatsächlich in Fachkreisen die Frage aufgeworfen, ob Renoir nicht etwas gegen Firnisse hatte. Nein, hatte er nicht, aber seine Inszenierungen wirken so. Und das ist kein formalästhetischer Selbstgänger. Denn wir sehen, was dem Mädchen blüht, sollte es sich nicht im Gewühl der neuen Mittelschicht panzern gegen den jungen Galan, der sie aus der Menge anstarrt, ihr schon bald als „canotier“, als Ruderer an der Seine, in ein glückloses Liebesabenteuer stürzen wird.

          In unserem Blick in die diffuse Menge der Zuschauer ist die Jugendlichkeit einer Erfahrung aufgehoben, deren Gelingen oder Scheitern in der Schwebe bleibt. Die sozialen Metamorphosen zwischen den Milieus, die Renoir selbst durchlebte und legendenhaft ausschmückte, werden durch antike Mythen zu ernsthaft unerbittlicher Gegenwärtigkeit erhoben. Ist es Daphne, die sich beim „Spaziergang (La promenade)“ (1870, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles; siehe oben.) auf Abwegen vor dem dunklen Abenteuer scheut und wie hoffnungsvoll den beblätterten grünen Zweigen zuschaut, die auf ihrem grellhellen Kleid hochwandern?

          Die Natur ist das wahre Milieu der Mädchen und Frauen wie auch ihrer Kinder. Hier lauert nicht nur das Glück, das Renoir immer wieder von unzähligen Kunstkritikern angedichtet wurde, sondern die Gefahr des Fehltritts und des Verlustes, die die „Frau mit Sonnenschirm“ (um 1874) aus dem Museum of Fine Arts, Boston, und ihr in den Hintergrund strebendes Kind zu überschatten scheint.

          Der gefahrvolle Augenblick ist derjenige eines im Werden begriffenen sozialen Gefüges des modernen Lebens, das zudem vom Deutsch-Französischen Krieg und der Kommune erschüttert wurde. Renoirs Malerfreund Bazille (das „Bildnis von Frédéric Bazille“ aus dem Jahr 1867 ist in Basel zu sehen und kommt aus dem Musée d’Orsay) starb in diesem Krieg, die Künstlerfreunde, die in Basel in zum Teil an Manets Farben erinnernden Porträts versammelt sind, werden jäh aus ihrer Maleridylle gesprengt, und Renoir selbst erleidet einen Nervenzusammenbruch.

          Renoir reagiert experimentell, auch widerspenstig, gar nicht dem Klischee des zum Star des Großbürgertums aufgestiegenen Porzellanmalers gleichend - das will die Basler Ausstellung zeigen. Ihr stärkster Raum ist der erste, in dem der Berliner „Sommer“ (1868) in „kittgrauem Ton“ alle Blicke auf sich zieht. Das Modell Lise Tréhot war sieben Jahre Renoirs Geliebte und ist auf dem Bild schon ein gefallenes, nämlich schwangeres Mädchen.

          Die zwei Kinder, die sie dem Maler gebar, wurden à la Rousseau zur Adoption freigegeben. Selbst wenn man das nicht weiß, hat diese in sich versunkene Figur mit aufgelöstem Haar, gemalt im typischen Fleckenmodus dieser Jahre, eine Kühle und buchstäbliche Verrückung (wie und wo sitzt sie eigentlich?), die nachdenklich macht und die Voyeure letztlich abhält.

          Dieser Grauton schützt auch die so unverhohlene Nacktheit des Knaben in „Der Junge mit der Katze“ (1868, Musée d’Orsay), selbst wenn man dem verschmusten tête à tête angesichts der schon ausgefahrenen Krallen der Katze nicht mehr lange Zeit gibt. Kinder und Knaben durften also im Bild ihre Auftritte haben, in der Wirklichkeit lieber nicht. Lise Tréhot wählte vielleicht deshalb schließlich die Ehe mit einem Architekten, nachdem Renoir sie in allerlei Rollen und Milieus gemalt hatte, so in „Frau in einem Garten“, besser bekannt als die hauseigene „Dame mit dem Möwenhütchen“ von 1868.

          Die glanzvollen Momente der Schau lassen den althergebrachte Kitschverdacht wie altes Papier zerfallen. Und machen klar: Das ist ein europäischer Verdacht. Die Amerikaner haben Renoir immer schon geliebt; ohne sie wäre er, wie er einmal sagte, verhungert. Dieser Maler gehört geradezu auf die Fifth Avenue. Kein Zufall, dass Renoirs „Madame Henriot en travesti“, derzeit in der Frick Collection zu sehen, und Gainsboroughs „Blue Boy“ in amerikanischen Sammlungen zu Hause sind.

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