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Renoir in Basel : Hier lauert kein Glück, sondern der Fehltritt

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Die Natur ist das wahre Milieu der Mädchen und Frauen wie auch ihrer Kinder. Hier lauert nicht nur das Glück, das Renoir immer wieder von unzähligen Kunstkritikern angedichtet wurde, sondern die Gefahr des Fehltritts und des Verlustes, die die „Frau mit Sonnenschirm“ (um 1874) aus dem Museum of Fine Arts, Boston, und ihr in den Hintergrund strebendes Kind zu überschatten scheint.

Der gefahrvolle Augenblick ist derjenige eines im Werden begriffenen sozialen Gefüges des modernen Lebens, das zudem vom Deutsch-Französischen Krieg und der Kommune erschüttert wurde. Renoirs Malerfreund Bazille (das „Bildnis von Frédéric Bazille“ aus dem Jahr 1867 ist in Basel zu sehen und kommt aus dem Musée d’Orsay) starb in diesem Krieg, die Künstlerfreunde, die in Basel in zum Teil an Manets Farben erinnernden Porträts versammelt sind, werden jäh aus ihrer Maleridylle gesprengt, und Renoir selbst erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Renoir reagiert experimentell, auch widerspenstig, gar nicht dem Klischee des zum Star des Großbürgertums aufgestiegenen Porzellanmalers gleichend - das will die Basler Ausstellung zeigen. Ihr stärkster Raum ist der erste, in dem der Berliner „Sommer“ (1868) in „kittgrauem Ton“ alle Blicke auf sich zieht. Das Modell Lise Tréhot war sieben Jahre Renoirs Geliebte und ist auf dem Bild schon ein gefallenes, nämlich schwangeres Mädchen.

Die zwei Kinder, die sie dem Maler gebar, wurden à la Rousseau zur Adoption freigegeben. Selbst wenn man das nicht weiß, hat diese in sich versunkene Figur mit aufgelöstem Haar, gemalt im typischen Fleckenmodus dieser Jahre, eine Kühle und buchstäbliche Verrückung (wie und wo sitzt sie eigentlich?), die nachdenklich macht und die Voyeure letztlich abhält.

Dieser Grauton schützt auch die so unverhohlene Nacktheit des Knaben in „Der Junge mit der Katze“ (1868, Musée d’Orsay), selbst wenn man dem verschmusten tête à tête angesichts der schon ausgefahrenen Krallen der Katze nicht mehr lange Zeit gibt. Kinder und Knaben durften also im Bild ihre Auftritte haben, in der Wirklichkeit lieber nicht. Lise Tréhot wählte vielleicht deshalb schließlich die Ehe mit einem Architekten, nachdem Renoir sie in allerlei Rollen und Milieus gemalt hatte, so in „Frau in einem Garten“, besser bekannt als die hauseigene „Dame mit dem Möwenhütchen“ von 1868.

Die glanzvollen Momente der Schau lassen den althergebrachte Kitschverdacht wie altes Papier zerfallen. Und machen klar: Das ist ein europäischer Verdacht. Die Amerikaner haben Renoir immer schon geliebt; ohne sie wäre er, wie er einmal sagte, verhungert. Dieser Maler gehört geradezu auf die Fifth Avenue. Kein Zufall, dass Renoirs „Madame Henriot en travesti“, derzeit in der Frick Collection zu sehen, und Gainsboroughs „Blue Boy“ in amerikanischen Sammlungen zu Hause sind.

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