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Mantegna und Bellini in Berlin : Wie in Farbe gemeißelt

Die Renaissancemaler Andrea Mantegna und Giovanni Bellini waren verschwägert. Wie sie dennoch oder deshalb auf Höchstniveau konkurrierten, zeigt die Berliner Gemäldegalerie.

          5 Min.

          Es ist die dritte deutsche Großausstellung zur Renaissance in Folge. Erst die Alte Pinakothek in München mit ihrem Gesamtbestand der Italiener des fünfzehnten Jahrhunderts, dann das Frankfurter Städel mit Tizian und dessen Zeitgenossen in Venedig, nun Berlins Gemäldegalerie „allein“ mit dem Duo Andrea Mantegna (um 1431 bis 1506) und Giovanni Bellini (um 1435 bis 1516). Was eine absteigende Tendenz von großer Überblicksschau zu Klein-Klein sein könnte, ist tatsächlich – man darf es bereits im ersten Jahresquartal ungestraft behaupten – die Berliner Muss-Ausstellung des Jahres, nicht zuletzt, weil endlich einmal die aseptische Wandelhalle der Gemäldegalerie mit stilvoll farbigen Einbauwänden in ganzer Länge für eine denkbar großzügige Präsentation genutzt wird. Was sich in Berlin konzentriert an diesen beiden Malern beobachten lässt, sind zwei gesellschaftliche Neuerungen, die tatsächlich erst die Renaissance in die Kunst einführt: die Entdeckung der Landschaft in der Malerei wie auch die subtilen Übertragungen eines an der Antike orientierten Humanismus in christliche Darstellungen – und zwar im befruchtenden Austausch.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Noch vor wenigen Jahren wäre die Konstellation Mantegna-Bellini auf eine platte Betonung der Gegensätze hinausgelaufen: Bellinis elegische und emotionale Landschaften und Madonnen stoßen auf den vorgeblich steinharten Mantegna, der mit seinem Faible für die antike Bildhauerei nahezu all seinen gemalten Figuren einen Anschein von monumentaler Skulptur verleiht. Dass es sich wie stets in der Kunst komplexer verhält, ist anhand der mehr als hundert Werke (entliehen aus aller Welt, von Washington bis zum Prado und dem Louvre – selbst die Queen hat sich von ihren eigentlich nicht mehr auszuleihenden drei Mantegna-Leinwandriesenformaten des „Triumphzug Caesars“ getrennt) schnell zu erkennen.

          Annähernd gleich alt wie Andrea, ist Giovanni nicht nur der Sohn von Jacobo Bellini, Patriarch der größten Malerdynastie Venedigs; er ist auch der Schwager von Mantegna, der aus der Nähe von Padua stammt und 1453 Bellinis Halbschwester Nicolosia heiratet. Etwa zehn Jahre arbeiten die beiden aufstrebenden und selbstbewussten Jungmaler – ihre oft direkt unter Christus oder Maria im Bild angebrachten Signaturen vergessen sie selten – in Venedig eng benachbart zusammen. Bereits das erste Bilderpaar der Schau, die „Darbringung Christi im Tempel“, von Mantegna 1454 gemalt, von Bellini in der Komposition knapp zwanzig Jahre später fast getreu übernommen (F.A.Z. vom 29. Mai 2018), zeigt zweierlei: Nicht nur, dass Mantegna auf Leinwand malt und Bellini auf Holz, wobei Ersterer durch die in den Stoff einziehende dünne Eitempera immer die Textur der Leinwand sichtbar ließ; auch der ernst blickende Tempelpriester, der das in Binden regungsunfähig eingewickelte Kind als symbolische Opfergabe entgegennimmt, ist wie alle weiteren Beistehenden – für Mantegna ungewöhnlich, aber begründet durch das Hineinmalen seiner jungen Frau ins Bild – weniger würdig-statuarisch als vielmehr äußerlich und innerlich stark bewegt. Bellini hingegen gibt seinen Figuren genau das Statuenhaft-Monumentale, das man von Mantegna erwartet hätte. Würde die direkte Übernahme einer Komposition heute vom Konkurrenten als justiziables Plagiat verfolgt, war dies in der Renaissance eine Würdigung und produktive Auseinandersetzung auf Augenhöhe, denn in markanten Details wich die übertreffende Kopie natürlich ab. Über den Sinn dieser Abweichungen wurde in der gebildeten Stadtgesellschaft auf hohem Niveau debattiert. Vielleicht rührt der aktuelle Renaissanceboom in den Museen auch von dieser Demos-Projektion in eine vermeintlich bessere alte Zeit.

          Als ehrenrührig galt das wohl nicht

          Dabei halten die beiden Schwäger mit ihren oft gewagten Bildinventionen die Lagunenstadt in Atem, sie sind wörtlich ein duo infernale: Eine krimispannende Abfolge von fünf fast identischen Bildern zum „Abstieg Christi in den Limbo“ zeigt diesen beim zögernden Eintritt in die Vorhölle, um die Stammeltern und alle anderen Unerlösten aus den Banden des Todes zu befreien. Christus beugt sich vor und sieht in den Schlund, ganz gespannter Muskel. Der Gluteus drückt sich derart prall durch den Stoff, dass er wie unbekleidet aussieht; sein Gewand flattert im Höllenwind aus dem Schacht wie bei der Monroe auf. Bellini war das wohl zu gewagt: Er unterteilt diese Körperpartie durch Stofffalten und lässt sie auf diese Weise nicht mehr nackt aussehen.

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