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Rembrandt in Berlin : Geheimnisse eines Malers

Am 4. August eröffnet die Berliner Gemäldegalerie die größte Rembrandt-Ausstellung des Jahres. Dabei geht es nicht nur um den genialen Künstler, sondern auch um die Frage, wie bedeutend sein Atelier und die Arbeit seiner Schüler war.

          5 Min.

          Hier gibt es gleich Ärger: Ein ungemütlicher Mann steht da, die Augenbrauen spielen Tsunami, der Mund steht offen, seine Faust zielt auf die Nase eines überraschten Alten, der sich mit einer ausweichenden Nichts-für-ungut-Haltung hinter die sicheren Fensterläden zurückzieht.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Man hat lange angenommen, Rembrandts 1635 entstandenes Gemälde stelle eine dynastische Fehde dar, man hatte vermutet, es zeige den Herzog von Geldern, der gerade mit seinem Vater aneinandergerät. Doch in der Berliner Rembrandt-Ausstellung, die morgen eröffnet wird, hängt neben dem Original eine Kopie des Gemäldes aus Rembrandts Werkstatt. Sie zeigt die gleiche Szene, nur daß am linken Bildrand ein kleiner Ziegenbock aus dem Rahmen schaut.

          Ein Geschenk und seine Folgen

          Das Tier ist elementar für das Verständnis des Bildes, denn dank des Ziegenbocks gilt als sicher, daß es sich bei dem erbosten Mann nicht um den Herzog, sondern um den alttestamentlichen Helden Simson handelt, der seinen Schwiegervater bedroht. Rembrandt wählt hier eine selten dargestellte Szene aus dem Buch der Richter: Nachdem Simson ein Mädchen aus dem Volk der Philister geheiratet hat, geht er auf eine Reise, doch als er zurückkommt und seiner Frau einen Ziegenbock mitbringt, will sein Schwiegervater ihn nicht mehr hereinlassen.

          Was folgt, ist einer der spektakulärsten Wutanfälle der europäischen Mythologie: Simson fängt dreihundert Füchse, bindet ihnen Fackeln an die Schwänze und jagt sie durchs Korn der Philister, brennt ihre Felder, Weinberge und Ölbäume bis auf die Wurzeln nieder. Der drohende Gewaltausbruch zeichnet sich bei Rembrandt in der dramatischen Geste und Mimik des Simson ab, und der Ziegenbock auf der Kopie verstärkt noch als Symbol eruptiver, ausufernder Gewalt die kochende Stimmung.

          Das Label Rembrandt

          Der Ziegenbock ist aber auch aus anderen Gründen interessant: Denn wer gab dem Kopisten den Auftrag, die Szene eindeutiger zu machen als im Original des Meisters? War es eine Freiheit, die sich der Schüler erlaubte, oder hatte Rembrandt ihn dazu angehalten? Eine Untersuchung der Kopie vor vier Jahren machte deutlich, daß die kleine Ziege von einer anderen Hand gemalt wurde als der Rest der Kopie - Experten vermuten, es war Rembrandt selbst.

          Was war geschehen? Hatte Rembrandt die Schülerarbeit nur anfertigen lassen, um seine erste Version zu korrigieren? Und was ist diese "Kopie" dann: ein Original-Rembrandt mit Zuarbeit oder eine Werkstattarbeit mit Original-Rembrandt-Ecke? Die Frage, was ein echter Rembrandt ist, läßt sich nicht einfach beantworten. Könnte es sein, daß Rembrandts Atelier kein Ort war, an dem der Meister Geniales schuf, was die Schüler mehr schlecht als recht abkupferten - sondern eine Art Labor, in dem unter Rembrandts Regie ein Team neue Formen der Darstellung von Emotionen, neue malerische Erzählformen erprobte, die dann unter dem Label Rembrandt vermarktet wurden?

          Original und Fälschung

          Die Berliner Ausstellung zeigt Rembrandts Atelier als ein alchimistisches Ästhetiklabor, in dem radikal neue Darstellungsformen erprobt wurden; die im Umfeld entstandene Version von "Christus und der Samariterin" etwa ist eine der ungewöhnlichsten Darstellungen, die je von diesem Thema geschaffen wurden; der Betrachter scheint mitten im Brunnen zu sitzen. Die Schau entstand in Zusammenarbeit mit dem Rembrandthuis in Amsterdam, wo sie in kleinerem Umfang bereits gezeigt wurde. In Berlin sind jetzt nicht weniger als 82 Werke zu sehen, darunter selten gezeigte Gemälde aus Privatsammlungen, und natürlich sind nicht alle von Rembrandts Hand.

          Seit Wilhelm von Bodes berühmter Klage, Rembrandt habe "700 Bilder gemalt, von denen 3000 erhalten sind", hat sich viel getan; das Rembrandt Research Project hat viele Werke ausgesiebt, die Zahl der heute Rembrandt zugeschriebenen Gemälde hat sich auf etwa 300 reduziert. Doch allein seit 1951 wurden 9428 angebliche Rembrandts in die Vereinigten Staaten geliefert. Nun mag es sein, daß die meisten plumpe Fläschungen sind - aber sind deshalb auch die Kopien aus dem Umfeld Rembrandts künstlerisch wertlos? Es ist eine der großen Qualitäten der Berliner Ausstellung, daß sie dem dogmatischen Reinheitsgebot mancher Rembrandtisten nicht anheimfällt und statt dessen Originale munter neben Werkstatt- und Schülerarbeiten zeigt - und so das System Rembrandt, das Funktionieren seiner Werkstatt, nachvollziehbar macht.

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