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Rembrandt : Im Schatten goldener Zeitenblüte

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Das eindrucksvollste Bild in der Amsterdamer Schau ist das laut Museum einzige Stilleben, das Rembrandt jemals malte. Ein toter Pfau hängt dort an einem Fensterladen, ein zweiter liegt davor. Blut fließt aus dem Bild. Ein Kind betrachtet die Szene, die nur scheinbar ein Vanitas-Bild ist. Der kopfüber gehängte Pfau ist eine auf den Kopf gestellte, aufgeschlitzte Schönheit, deren prächtiger Federbusch sich noch im Tod aufbauscht, und aufmerksam wie die Zuschauer in Rembrandts berühmter „Anatomie des Dr.Tulp“ betrachtet das Kind das geöffnete, blutende Tier, so, als wolle es wie ein Wissenschaftler die Gründe der Souveränität des Vogels analysieren.

Nur der Pfau kann sich den Unsinn eines aufklappbaren Schwanzes leisten; er steht im Tierreich für die Sprezzatura, für das leichtfertige Kunststück und die Mühelosigkeit im Unmöglichen, die in der Renaissance zum Ideal des höfischen Lebens erklärt wurde. Die Art, wie Rembrandt die Federn des Tieres malt, sucht ebenfalls nach Sprezzatura: Hier experimentiert der Maler mit einem radikal skizzenhaften, bauschenden Strich; die Natur wird zum Vorbild einer Malerei, die nach ebenso überraschenden Kunstgriffen sucht, wie sie der Schweif des Pfaus darstellt. So gesehen, ist das Stilleben auch ein Bild über Kunst, über die Wirkung der plötzlich aufschlagenden Form und der überwältigenden Farbeffekte.

Hektisch zusammengeräumt

Zu alldem ist in der Amsterdamer Eröffnungsschau selbst allerdings kaum etwas zu erfahren. Einen Katalog gibt es nicht, und auch sonst wirkt die hektisch zusammengeräumte Ausstellung, als habe man Großvaters Geburtstag vergessen und nun noch schnell ein Präsent basteln müssen. Aber das Rijksmuseum legt zwei Ausstellungen nach, die mehr versprechen: Von Februar an zeigt das Haus zusammen mit dem Van-Gogh-Museum eine Gegenüberstellung von Rembrandt und Caravaggio, den beiden Chiaroscuro-Meistern des siebzehnten Jahrhunderts, die bei aller gemeinsamen Freude an dramatischen Lichteffekten unterschiedlicher nicht sein könnten: hier Rembrandts Figuren, die wie in Watte gehüllt in einem Wärmenebel zu glühen scheinen, dort Caravaggios gnadenlos kaltes, hysterisch präzises Flutlicht auf exaltierten Dramen. Im März dann zeigt das Rijksmuseum unter dem Titel „Really Rembrandt?“ alle Werke, die vom Museum im Glauben angekauft wurden, es handele sich um echte Rembrandts. Damit widmet sich das Haus jenem Thema, das auch das 1968 gegründete „Rembrandt Research Project“ umtreibt, die Frage nämlich, was ein „echter Rembrandt“ ist.

Berühmt ist die Klage des Berliner Museumsdirektors Wilhelm von Bode, Rembrandt habe „700 Bilder gemalt, von denen 3000 erhalten sind“. Allein seit 1951 wurden 9428 Rembrandts in die Vereinigten Staaten eingeführt, aber weniger als dreihundert Gemälde gelten heute als eigenhändig. Andererseits ist es schwierig, diese Bilder als „Fälschungen“ zu bezeichnen, denn Rembrandt ließ, wie der zuletzt veröffentlichte Band des „Rembrandt Research Project“ zeigt, sogar seine Selbstporträts von Schülern malen.

Die Chemikerin Karin Groen hatte die Grundierungsschichten der Leinwände und Holztafeln untersucht und festgestellt, daß die Werke eindeutig nicht von Rembrandts Hand stammen, aber lange Zeit als eigenhändig betrachtet wurden, weil sie in ihrer Machart mehr nach einem typischen Rembrandt aussahen als Rembrandts eigene Selbstbildnisse. Was eine schöne Pointe ist: Ausgerechnet das Bebende und Ruhelose seiner Malerei, das als direkter Ausdruck eines „inneren Glühens“ des Genies Rembrandt verklärt wurde, ist tatsächlich von den malenden Beseelungsexperten in seinem Atelier in Serie produziert worden.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn , geboren am 15. Juli 1606 in Leiden, gilt als der wichtigste niederländische Maler des siebzehnten Jahrhunderts. Seine Art, Licht und Schatten einzusetzen, machte ihn berühmt. Zu den bekanntesten Gemälden zählt die sogenannte „Nachtwache“. Rembrandt starb 1669 in Amsterdam. Seither wird über die Zuschreibung vieler Gemälde gestritten. „Saskia als Minerva“, 1975 in Paris für 1,3 Millionen Franc verkauft, wurde erst spät als eigenhändiges Werk anerkannt. 2002 bot es der Händler Otto Naumann für 42 Millionen Dollar an.

Die wichtigsten Termine im Rembrandt-Jahr

Die Amsterdamer Schau „All the Rembrandts - In the Rijksmuseum“ läuft bis zum 19. Februar. Am 24. Februar eröffnet im Van-Gogh-Museum „Rembrandt - Caravaggio“ (bis zum 18. Juni). Am 9. März folgt im Rijksmuseum „Really Rembrandt?“ (bis zum 24. Mai).

Der Filmemacher Peter Greenaway veranstaltet ebenfalls im Rijksmuseum unter dem Titel „Nightwatching“ eine Veranstaltungsreihe mit Theateraufführungen (vom 2. Juni an); im Herbst folgt die Vorführung seines gleichnamigen Films, der die These aufstellt, das Gemälde „Die Nachtwache“ handele in Wirklichkeit von einem Mord.

In der Kasseler Gemäldegalerie wird vom 20. Mai bis zum 20. August die bedeutende landgräfliche Rembrandt-Sammlung gezeigt; einen Monat später folgt ebenfalls in Kassel eine Ausstellung seiner Landschaftsbilder (23. Juni bis zum 17. September).

In Berlin wird vom 4. August bis zum 5. November in der Gemäldegalerie die Schau „Rembrandt. Ein Genie auf der Suche“ gezeigt. Und zum vierhundertsten Geburtstag des Meisters am 15. Juli beglückt das Koninklijk Theater Carre in Amsterdam die Welt mit einem Rembrandt-Musical. Weitere Informationen unter www.rembrandt400.com.

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