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Rekonstruktions-Ausstellung München : Eine Kopie ist kein Betrug

  • -Aktualisiert am

Aufklärung statt Ideologie: Eine große Münchner Architekturausstellung verteidigt das Rekonstruieren. Sie spannt einen historischen Bogen mit dreihundert Beispielen und zeigt ein Geflecht von Innovation und Bewahrung, von Umbruch und Survival, von Avantgarde und Revival.

          Wenn über ein Thema der Architektur besonders heftig gestritten wird, und das schon seit Jahrzehnten, dann über den Sinn oder Unsinn von Rekonstruktionen. Das betrifft nicht nur prominente Vorhaben wie den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, sondern gilt ebenso für Projekte in kleineren Städten. Vor allem in Deutschland erwecken derlei Debatten den Eindruck von Glaubenskriegen: Auf der einen Seite stehen meist Bürger und Politiker, die auf Rekonstruktionen verlorener Bauten dringen, auf der anderen Denkmalpfleger und Architekten, die sie radikal ablehnen. Deshalb ist es mutig, dass und wie sich nun das Architekturmuseum der TU München dieses Reizthemas angenommen hat.

          Außergewöhnlich ist die Ausstellung, von Winfried Nerdinger mit Markus Eisen und Hilde Strobl in der Pinakothek der Moderne eingerichtet, nicht nur wegen des enorm weiten historischen Bogens, mit dem sie dreihundert Beispiele ganz unterschiedlicher Rekonstruktionen von der Antike bis zur Gegenwart überspannt. Beeindruckend ist auch die Fülle des Materials und der Quellen - von Saal zu Saal ziehen sich Bänder mit historischen wie aktuellen Fotografien, die von sachlichen Texten begleitet werden; fünfundachtzig Beispiele werden mittels Gemälden, Plänen und Modellen besonders anschaulich präsentiert.

          Rekonstruieren gehört zur Architekturgeschichte

          Wie von Münchens Architekturmuseum gewohnt, dient auch diese Schau der Aufklärung. Sie richtet sich gegen das Freund-Feind-Schema der Rekonstruktionsdebatte und setzt ihm die historischen Tatsachen entgegen. Unter dem Oberbegriff „Wiederherstellung“ bezeugt sie von Japan über Polen bis hin nach Kanada die überraschende Bandbreite derartigen Bauens - vom völligen Nachbau historischer Gebäude bis zu Reparaturen und Restaurierungen. Am Ende bleibt kein Zweifel, dass Rekonstruieren die gesamte Architekturgeschichte durchzieht, also immer Teil des Bauens gewesen ist.

          Zehn Kapitel veranschaulichen die völlig verschiedenen Motive für Rekonstruktionen: Sie reichen vom Bewahren religiöser Kontinuität über den Wiedergewinn kriegszerstörter Stadtbilder in Belgien oder Frankreich bis zur Indienstnahme für kommerzielle Zwecke. Ein Sonderfall ist der Schrein im japanischen Ise, der seit mehr als 1300 Jahren alle zwanzig Jahre als Kopie seines Vorgängers neu errichtet wird. Hier geht es nicht um die Frage nach der originalen Substanz, sondern um die rituelle Wiederholung des „authentischen Geistes“ - eine Auffassung, die das westliche Verständnis von Baukultur nicht kennt.

          Rekonstruktion ist keine Lüge

          Architekturausstellungen müssen gewöhnlich mit „Stellvertretern“ auskommen, mit Bildern, Plänen und Modellen. Hier aber stehen zuhauf reale Vergleichsbeispiele gleich um die Ecke - schräg gegenüber die Alte Pinakothek mit der „schöpferischen Wiederherstellung“ durch Hans Döllgast in den fünfziger Jahren, und am Odeonsplatz gibt es die beiden Palais von Klenze aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, wobei das eine nach schweren Kriegsschäden rekonstruiert und das andere als Neubau mit historischer Fassade errichtet wurde. Im Englischen Garten schließlich steht der Chinesische Turm, der nach dem Zweiten Weltkrieg neu wiedererstanden ist. Wer diese Bauten für Originale hält, „ist schlicht zu wenig informiert“ (Nerdinger).

          Vertieft wird das Thema im nicht weniger als drei Kilogramm schweren Katalogbuch. Neben einhundertfünfzig Fallbeispielen enthält er Aufsätze zu fast allen Facetten des Themas. Winfried Nerdinger beginnt seine Einführung mit einem verbalen Donnerschlag: „Eine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine Fälschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine Lüge.“ Wie die Ausstellung dürfte auch diese scharfe Attacke gegen die traditionellen Auffassungen, die in den Kreisen von Denkmalpflegern und Architekten gehütet werden, für die Betroffenen einen geradezu ungeheuerlichen Tabubruch darstellen.

          Woran viele Denkmalpfleger festhalten, hält Nerdinger für unhistorisch, für ideologisch oder bloß moralisierend. Denn Rekonstruktionen, so hält er ihnen entgegen, würden „die Vorstellungen der jeweiligen Gegenwart“ widerspiegeln - ebenso wie originale Denkmale. Tatsächlich eignet sich fast jede Generation die Geschichte neu an - vor allem deren architektonischen Zeugnisse, da das Gedächtnis der Menschen topologisch ausgerichtet ist, auf den jeweiligen Ort bezogen.

          Sehnsucht nach einem „Erinnerungsort“

          „Konservieren, nicht restaurieren“: der hiesige, um 1900 entstandene Grundsatz der klassischen Denkmalpflege bezog seine Berechtigung daraus, dass Deutschland noch eine Überfülle an historischen Bauten besaß. Und nach dem Zweiten Weltkrieg war es beim legendären Streit um das zerbombte Frankfurter Goethehaus berechtigt, aus politisch-historischen Gründen eine Rekonstruktion abzulehnen. Doch setzte sich gerade hier die Sehnsucht nach einem „Erinnerungsort“ durch.

          Weshalb aber wurden seit den siebziger Jahren die Stimmen für Rekonstruktionen immer lauter? Das hat nicht nur mit den ungeheuren Kriegsverlusten zu tun, sondern vor allem mit dem weitgehenden Versagen der zeitgenössischen Architektur, in der die schöpferische Moderne von einem arroganten und öden Modernismus verdrängt wurde. Ursprünglich als weltoffen und zeitgemäß begrüßt, hatte sie sich in eine Bedrohung verwandelt. Deshalb wuchs das Verlangen nach sinnfällig bergenden historischen Bauten. So wurde etwa 1986 in Hildesheim das spätgotische Fachwerk des Knochenhaueramtshauses rekonstruiert oder 1995 in Aschaffenburg das der Löwenapotheke aus dem 15. Jahrhundert.

          Einfühlsame Sanierungen oder Erweiterungen historischer Bauten

          Die Ausstellung nimmt Partei für diese historischen Entwicklungen, aber nicht für jedes ihrer Beispiele. Geradezu enzyklopädisch werden auch fragwürdige und misslungene Rekonstruktionen gezeigt. Zu den Grotesken gehört das 2009 eröffnete Einkaufszentrum am Mainzer Dom, bei dem eine schmale Reihe „historisch“ nachempfundener Markthäuserfassaden mit einem plumpen modernistischen Anbau von Massimiliano Fuksas zu einem Ensemble zwangsvereint wurde.

          Zuletzt aber kommt die zeitgenössische Architektur doch noch mit versöhnenden Exemplaren ins Spiel: einfühlsame Sanierungen oder Erweiterungen historischer Bauten von Álvaro Siza, Giorgio Grassi, Carlo Scarpa und Luigi Snozzi werden gezeigt; zur Eröffnung erwähnte Nerdinger auch noch Karljosef Schattner in Eichstätt, dessen Projekte im Gegensatz zur scharenweise vertretenen Nostalgie mit respektvollem und doch selbstbewusstem Weiterbauen für unsere Städte und Dörfer hoffen lassen.

          Bis heute - dies schlagend darzulegen ist das größte Verdienst der Ausstellung - zeigt sich die Geschichte der Architektur als „ein Geflecht von Innovation und Bewahrung, von Umbruch und Survival, von Avantgarde und Revival“. Wer sich künftig an der Debatte über Rekonstruktion beteiligt, kommt ohne diese Erkenntnis nicht aus.

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