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Rekonstruktions-Ausstellung München : Eine Kopie ist kein Betrug

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Vertieft wird das Thema im nicht weniger als drei Kilogramm schweren Katalogbuch. Neben einhundertfünfzig Fallbeispielen enthält er Aufsätze zu fast allen Facetten des Themas. Winfried Nerdinger beginnt seine Einführung mit einem verbalen Donnerschlag: „Eine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine Fälschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine Lüge.“ Wie die Ausstellung dürfte auch diese scharfe Attacke gegen die traditionellen Auffassungen, die in den Kreisen von Denkmalpflegern und Architekten gehütet werden, für die Betroffenen einen geradezu ungeheuerlichen Tabubruch darstellen.

Woran viele Denkmalpfleger festhalten, hält Nerdinger für unhistorisch, für ideologisch oder bloß moralisierend. Denn Rekonstruktionen, so hält er ihnen entgegen, würden „die Vorstellungen der jeweiligen Gegenwart“ widerspiegeln - ebenso wie originale Denkmale. Tatsächlich eignet sich fast jede Generation die Geschichte neu an - vor allem deren architektonischen Zeugnisse, da das Gedächtnis der Menschen topologisch ausgerichtet ist, auf den jeweiligen Ort bezogen.

Sehnsucht nach einem „Erinnerungsort“

„Konservieren, nicht restaurieren“: der hiesige, um 1900 entstandene Grundsatz der klassischen Denkmalpflege bezog seine Berechtigung daraus, dass Deutschland noch eine Überfülle an historischen Bauten besaß. Und nach dem Zweiten Weltkrieg war es beim legendären Streit um das zerbombte Frankfurter Goethehaus berechtigt, aus politisch-historischen Gründen eine Rekonstruktion abzulehnen. Doch setzte sich gerade hier die Sehnsucht nach einem „Erinnerungsort“ durch.

Weshalb aber wurden seit den siebziger Jahren die Stimmen für Rekonstruktionen immer lauter? Das hat nicht nur mit den ungeheuren Kriegsverlusten zu tun, sondern vor allem mit dem weitgehenden Versagen der zeitgenössischen Architektur, in der die schöpferische Moderne von einem arroganten und öden Modernismus verdrängt wurde. Ursprünglich als weltoffen und zeitgemäß begrüßt, hatte sie sich in eine Bedrohung verwandelt. Deshalb wuchs das Verlangen nach sinnfällig bergenden historischen Bauten. So wurde etwa 1986 in Hildesheim das spätgotische Fachwerk des Knochenhaueramtshauses rekonstruiert oder 1995 in Aschaffenburg das der Löwenapotheke aus dem 15. Jahrhundert.

Einfühlsame Sanierungen oder Erweiterungen historischer Bauten

Die Ausstellung nimmt Partei für diese historischen Entwicklungen, aber nicht für jedes ihrer Beispiele. Geradezu enzyklopädisch werden auch fragwürdige und misslungene Rekonstruktionen gezeigt. Zu den Grotesken gehört das 2009 eröffnete Einkaufszentrum am Mainzer Dom, bei dem eine schmale Reihe „historisch“ nachempfundener Markthäuserfassaden mit einem plumpen modernistischen Anbau von Massimiliano Fuksas zu einem Ensemble zwangsvereint wurde.

Zuletzt aber kommt die zeitgenössische Architektur doch noch mit versöhnenden Exemplaren ins Spiel: einfühlsame Sanierungen oder Erweiterungen historischer Bauten von Álvaro Siza, Giorgio Grassi, Carlo Scarpa und Luigi Snozzi werden gezeigt; zur Eröffnung erwähnte Nerdinger auch noch Karljosef Schattner in Eichstätt, dessen Projekte im Gegensatz zur scharenweise vertretenen Nostalgie mit respektvollem und doch selbstbewusstem Weiterbauen für unsere Städte und Dörfer hoffen lassen.

Bis heute - dies schlagend darzulegen ist das größte Verdienst der Ausstellung - zeigt sich die Geschichte der Architektur als „ein Geflecht von Innovation und Bewahrung, von Umbruch und Survival, von Avantgarde und Revival“. Wer sich künftig an der Debatte über Rekonstruktion beteiligt, kommt ohne diese Erkenntnis nicht aus.

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