https://www.faz.net/-gqz-sjpl

Reinhold Messners Museum : Zen und die Kunst, offene Türen einzurennen

  • -Aktualisiert am

Im Eck zwischen dem ersten Turm und der Mauer sitzt ein überlebensgroßer Buddha im Freien, ein wenig, als ob er unartig gewesen wäre und nun nicht zu den anderen dürfe. Ich trete einige Schritte beiseite, um ihn besser zu fotografieren, da ist kein Gras, bloß Kies, doch der Burgherr pfeift mich umgehend zurück: „Bitte! Bitte! Das ist ein Zen-Garten! Wenn Sie das in Japan täten.“ Peinlich berührt, bei solch flagranten antiasiatischen Umtrieben ertappt zu werden, schleiche ich gesenkten Haupts auf den gepflasterten Weg zurück.

Das Beeindruckende an Messners Vortrag ist ohne Zweifel der Elan, mit dem er zeitgeistig eigentlich Durchgesetztes, Unstrittiges vorträgt, als müsse er ein Rudel Ungläubiger bekehren. Von der asiatischen Weisheit bis hin zum ökologischen Denken fehlt eigentlich nichts, was der moderat fortschrittliche Mensch von heute zu seiner Alltagsphilosophie zählen würde, und jede dieser offenen Türen rennt Messner mit einem Furor ein, als habe er mindestens einen seiner Achttausender auf schwierigster Route vor sich.

Ein zorniger älterer Mann

Am Ende erkennt man: Das genau ist es, was ihn so gut macht, daß er nämlich diese heftige Bewegung des Offene-Türen-Einrennens vor aller Augen so perfekt ausführt, wie es kaum einer sonst könnte, auf seine Weise der Luis Trenker des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Seine dunkle Seite zeigt er aus Anlaß einer Zwischenfrage zum leidigen Streit um Messners Rolle bei der Tragödie am Nanga Parbat, der sein Bruder Günther zum Opfer fiel. Da kommt, für wenige Minuten nur, ein ganz anderer Messner zum Vorschein, ein zorniger älterer Mann, der von „Journaille“ donnert und von „Verbrechen“, das selbige im Rahmen der Berichterstattung gegen ihn begangen habe. Die Journaille läßt Tonband und Kamera weiterlaufen, vielleicht kann man das Material ja einmal brauchen.

Die zentrale Messner-Botschaft ist eine kulturpessimistische, daß wir modernen Westler nämlich die Berge mißbrauchen, indem wir so massenhaft hinaufsteigen, oft auch unter Zuhilfenahme unlauterer Mittel, unsere Gipfel mit Myriaden von Gipfelkreuzen verschandeln (wo er recht hat, hat er recht) und das Gebirg zu allem Überfluß durchbohren und unten durchfahren, wenn es uns im Weg steht - wo Hannibal mit seinen Elefanten sich noch redlich mühte, obendrüber zu kraxeln.

Aber man muß sich auf das Schwerphilosophische nicht einlassen, man kann sich einfach freuen an den vielen schönen Dingen, die Messner zusammengetragen hat und die es wert sind, daß man sich für sie herbeimüht, an der trutzigen alten Burg, in die das alles so zart-modern eingepaßt ist, und am Ende natürlich an der Vesper, mit der wir in der Burgschenke traktiert werden, „Südtiroler Wein Speck Schinken Vinschgerlen sehr sehr gut“, wie Adalbert Stifter, Österreichs notorischster Gourmand, sich ausgedrückt hätte.

Weitere Themen

Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

"Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

Topmeldungen

„Eine Art Ideologie, die zu Gräueln in der Historie unseres Planeten geführt hat“: So beschreibt ein ehemaliger Funktionär die Haltung der IAAF gegenüber der standhaften Caster Semenya.

FAZ Plus Artikel: Fall Caster Semenya : Startrecht nach Kastration

Die IAAF hat Caster Semenya nach ihrem Sieg in Berlin 2009 eine Operation nahegelegt zur Aufhebung ihrer Laufsperre. Vier Athletinnen unterzogen sich der Tortur. Ein früherer Funktionär spricht von einem Zwangssystem.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.