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Reinhold Messners Museum : Zen und die Kunst, offene Türen einzurennen

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Mystisch knisternde Bergwelt

Ganz generell hat es Messner mit dem philosophisch, ja religiös Verbrämten - ein nicht unwesentlicher Grund für seinen Erfolg in unserer Zeit, die sich auf so heftiger wie zielloser Sinnsuche befindet. Was käme dem besser zupaß als diese seit der Romantik mit Numinosem aufgeladene, mittlerweile geradezu mystisch knisternde Bergwelt? Und was paßte besser in dieses Konzept als die Myriaden asiatischer Götter in den verschiedensten Stadien der Verrenkung, dazu tibetanische Gebetstrommeln, „Applikationen“ und was noch, eine reiche Sammlung, die Messner auf seinen vielen Reisen im Himalaja zusammengetragen hat, großteils wohl auch zu einer Zeit, als dergleichen noch preiswert zu haben und problemlos auszuführen war.

So schreiten wir also treppauf, treppab, hügelauf, hügelab durch die vielen Türme von Schloß Sigmundskron. Jeder Turm hat ein Thema - so wie Messners im Endausbau fünf Museen einander thematisch ergänzen sollen. Da gibt es zuerst den Raum für die Wechselausstellungen, deren erste schon hängt, an schwarzer Wand (die Mönchsfarbe der Moderne) scheinen die Bilder zu schweben, sie hängen nämlich nicht, sondern haften magnetisch am Untergrund. Romantische Gebirgsmalerei aus dem neunzehnten Jahrhundert, dem Burgherrn liegt sie sichtlich nicht so sehr am Herzen wie die japanischen Steine, die folgen. „Während die Europäer die Natur idealisierten, haben die Japaner einfach Steine, also Stücke von der Natur, zu sich ins Haus genommen.“ Ganz allgemein wird vom Besucher eine sehr zeitgemäße multikulturelle Anhimmelungshaltung den Erzeugnissen der fremden Völker und Kulturen gegenüber verlangt, die über interesseloses Wohlgefallen hinausgehen sollte.

Vom abendländischen Fimmel

Irgendwie, wird uns nahegelegt, sind die Asiaten mit Erleuchtungen immer früher dran gewesen als wir, haben die Welt tiefer und klarer gesehen, ausgedrückt, dargestellt, haben auch nicht diesen abendländischen Fimmel, alles bewahren zu wollen, „viel wichtiger ist es dort, die Fähigkeit, etwas wieder so herstellen zu können, zu bewahren, als das Ding selber“ - das erklärt der Burgherr bei mindestens drei Gelegenheiten.

Als innereuropäisches Gegengift prangt im ersten Turmzimmer gleich der Zwischenkriegsheuler der Tiroler Malerei, die „Verlorene Heimat“ von Thomas Walch; eine nachhaltig trauernde Frauengestalt vor Gebirgskulisse verkörpert hier den Schrecken der Landeszerreißung von 1919. Wir sehen im Auf und Ab der Türme noch eine ziemliche Menge von teils sehr guter Gebirgsmalerei aus verschiedenen Jahrzehnten bis herauf zur Gegenwart, wo etwa Herbert Brandl, Nino Malfatti und Helmut Ditsch den neuesten Stand der Kunst zwischen Neuexpressionismus und Fotorealismus zeigen. Das steht pro Turm immer unter einem Thema: Schlüsselberge, Schlüsselstellen, kleine Berge, große Berge, Geschichte des Alpinismus. Wie der Burgherr sagt, muß den Sinn am Ende ohnehin jeder für sich herauslesen. Bis dahin haben wir noch einige Stiegen.

Bitte! Das ist ein Zen-Garten

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