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Reinhard Mucha zum Geburtstag : Er schätzt die schöne Ordnung

Der Konzept- und Objektkünstler Reinhard Mucha wird siebzig Jahre alt. Er lädt Fundstücke des Alltags mit seiner eigenwilligen Energie auf.

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          Reinhard Mucha ist seit Ende der siebziger Jahre ein beharrlicher Baumeister in diesem unserem Land. Seine Baustelle ist die Kunst. Er ließe sich ein Bildhauer nennen. Wobei er dauernd Bilder, die in den Köpfen herrschen, zerschlägt, um sie anders wieder zusammenzufügen. Dabei mag er es durchaus großräumig. Im Jahr 1990 hatte er im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig sein „Deutschlandgerät“ ausgestellt: eine riesige, dazu ziemlich geräuschige Installation aus Vitrinen seltsamen Inhalts, aus Monitoren und einem eindrucksvollen Holzverhau. Seit 2002 ist sie im Museum K21 in Düsseldorf wiederaufgebaut, bis heute; ihr Erhalt dort war Mucha wichtig.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wer „Deutschlandgerät“ bei Wikipedia abfragt, bekommt eine Maschine erklärt, „ein hydraulisch betriebenes Hub- und Verschubgerät zum (Wieder)aufgleisen von (entgleisten) Schienenfahrzeugen“. Erfunden wurde es von der 1872 in Dortmund gegründeten, einstigen „Maschinenfabrik Deutschland“; in Funktion ist es offenbar bis heute. Mucha ist ein Künstler, der Apparate und Maschinen ihrer ursprünglichen Aufgaben enthebt, sie regelrecht umcodiert. Ständig hat man das Gefühl, dass er dabei genau weiß, was geschehen kann, wenn die Dinge aus dem Gleis geraten; seine Monitore flimmern das, seine Tonspuren flüstern es. Er schätzt eine schöne Ordnung.

          In einem Video von 2018, gedreht vom San Francisco Museum of Modern Art mit dem aufschlussreichen Titel „Showing the Show“, nimmt er gewitzt noch einmal den Gestus des scharfen Institutionskritikers ein. Mit seinen pieces habe er, als er jung war, versucht, „die Idee des Museums gewissermaßen zu kannibalisieren“. Das hat sich dann doch gelegt; zuletzt im Jahr 2016 zeigte das Kunstmuseum Basel eine Schau mit seinen Arbeiten. Ohnehin gehörte das Obstinate zum Kalkül. Die Attitüde der Dekonstruktion reiht ihn in eine Avantgarde ein – von der freilich nur die überdauern, deren Schaffen Geist und Sinnlichkeit zur Verfügung stehen.

          Geboren wurde er am 19. Februar 1950 in Düsseldorf, und er studierte dort bei Klaus Rinke an der Akademie. Zuvor hatte er eine Ausbildung zum Schmied gemacht. Mit seinem Schwermetall, seinen ganzen Environments, die mitunter wie aus einer früheren, mit industrieller Energie aufgeladenen Zeit zu stammen scheinen, bleibt er auch seiner Heimat treu. Seiner internationalen Anerkennung hat das keinen Abbruch getan, wohl eher im Gegenteil. Hinzu kommt sein Alleinstellungsmerkmal, diese eigensinnige Kompositionsmethode, von der er sich nie abbringen ließ. Er nimmt dafür zwar Fundstücke des Alltags wie Möbel – gern Hocker und Wägelchen, oder es spielt etwas Technisches mit. Aber sie bleiben nie allein, nicht in ihrer Reinform erhalten, sondern sie werden eingefügt in ein neues Ganzes, oft versehen mit einem unerwarteten Namen: „Landau“ von 2014 zum Beispiel, gut einen Meter breit und zwanzig Zentimeter tief, solide gebaut aus Linoleum, Holz, Kunstharzfarbe, Schemel, Aluminumprofilen, Glas, Leinen,Tischlerplatte, Bodenbelag. Was sich erst einmal hermetisch verschließt, nicht selten buchstäblich in Vitrinen, wird bei näherem Hinsehen in seiner Gemachtheit erkennbar – und endlich in seiner Ästhetik wahrnehmbar.

          Man könnte Mucha einen bricoleur nennen, einen Bastler eben, der die ihm zuhandenen Mittel hernimmt, um sich seiner Vorstellung des „Werks“ zu nähern, in dem immer zugleich das Eigengewicht des Materials anklingt. Dass diese Tätigkeit unabschließbar ist, liegt in der, beinah möchte man sagen: Natur der Sache. Fertig ist er also bestimmt noch lang nicht mit seinem Schaffen, das irgendwie immer auch ein Schaffner-Sein ist. Und ehe dieser intime Kenner und Liebhaber des Eisenbahnsystems von der Deutschen Bahn womöglich zu ihrem Paten gemacht wird, sei Reinhard Mucha zum siebzigsten Geburtstag gratuliert, den er heute feiern kann.

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