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Reichsbahn-Ausstellung : Willige Helfer

Ein ganzes Jahr lang ist um diese Ausstellung gestritten worden. Nun duckt sie sich in einen Winkel des Berliner Tiefbahnhofs Potsdamer Platz: „Sonderzüge in den Tod“ dokumentiert die Rolle der Bahn im Holocaust.

          3 Min.

          Am 13. August 1942 schreibt SS-Obergruppenführer Karl Wolff, Stabschef von Heinrich Himmler, dem „lieben Parteigenossen“ Albert Ganzenmüller einen Brief. „Mit besonderer Freude“, so Wolff, habe er vernommen, „dass nun schon seit 14 Tagen täglich ein Zug mit 5000 Angehörigen des auserwählten Volkes nach Treblinka fährt“. Seinen Dank an Ganzenmüller für die „Bemühungen in dieser Sache“ verbindet der SS-Mann mit der Bitte, „diesen Dingen“ auch weiter „Beachtung zu schenken“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die „Sache“ ist die Massenvernichtung der europäischen Juden. Und Albert Ganzenmüller, Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium und stellvertretender Generaldirektor der Reichsbahn, organisiert ihren Vollzug. Im Juli 1942 haben Reparaturen an der Strecke nach Sobibor die Deportation der Insassen des Warschauer Ghettos verzögert; Ganzenmüller sorgt für die Umleitung der Transporte ins Vernichtungslager Treblinka. Bis zum September werden allein 265.000 Menschen von der Reichsbahn zu ihrer Ermordung gefahren. Ganzenmüller aber geht nach Kriegsende straffrei aus; der letzte Prozess gegen ihn wird 1973 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt, er stirbt 1996. Es war der einzige Prozess überhaupt gegen einen Reichsbahner.

          Ein Jahr lang Streit

          Wenn man die Schautafel „Planung und Durchführung“ der gestern in Berlin eröffneten Ausstellung „Sonderzüge in den Tod“ betrachtet, ahnt man nichts von den Querelen, die dieser Präsentation vorausgingen, den Wortgefechten zwischen Bahnchef Mehdorn und Bundesbauminister Tiefensee, den Ultimaten, den Glossen und Kommentaren. Ein ganzes Jahr lang ist um diese Ausstellung gestritten worden, die sich nun in einen Winkel des Berliner Tiefbahnhofs Potsdamer Platz duckt, am Südende der Passagen-Ebene, die die Bahngleise mit der Shopping-Welt der „Potsdamer Platz Arkaden“ verbindet. Hauptakteur dieses Streits war Hartmut Mehdorn, der sich dagegen wehrte, sie als Wanderausstellung in deutschen Bahnhöfen zu zeigen, wo keine „seriöse, tiefgehende Befassung“ mit dem Thema möglich sei. Zumal das Bahnmuseum in Nürnberg sich seit Jahren in Sonderausstellungen und einer dauerhaften, die ständig ergänzt wird, um seriöse, umfassende Aufklärung bemüht.

          Die Ausstellung am Potsdamer Platz versucht, zwei abgegrenzte Themenkomplexe zu vereinen. Der eine folgt im Wesentlichen der Dauerausstellung im Nürnberger DB-Museum und dokumentiert die Rolle der Reichsbahn in der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Hier wird die penible Logistik der Todeszüge erläutert, bis hin zu einzelnen Fahrplänen wie etwa dem von 1942, der lückenlos die Fahrdauer und alle Zwischenstationen an der Strecke vom badischen Herbolzheim nach Auschwitz auflistet. Eine andere Tafel widmet sich den Schicksalen der Berliner Brüder Hans und Gert Rosenthal: Der jüngere wurde gemeinsam mit den Kindern eines jüdischen Kinderheimes als Zehnjähriger mit dem „21. Osttransport“ nach Riga gebracht und 1942 ermordet, der ältere überlebte im Versteck.

          Eine neue Dokumentation

          An einer Hörstation kann man der Zeugenaussage des ehemaligen Reichsbahners Hilse im Auschwitz-Prozess lauschen, der nach eigener Angabe nie sah, wer in den Waggons litt, weil er doch nur die Frachtbriefe kontrollierte. Die SS habe die Türen verschlossen gehalten und jedem, auch ihm, gleich mit Erschießung gedroht, wenn man etwa Trinkwasser hineinreichen wollte, wonach eine Frau verzweifelt schrie. Die Verschleppung der Sinti aus Baden-Württemberg ist eine neue Dokumentation, deren Bilder und Texte von den Historikern jetzt erst im Bundesarchiv gefunden wurden und die in Berlin erstmals gezeigt werden: Vor aller Augen werden die Verhafteten durch eine zauberhafte deutsche Kleinstadt getrieben, hinauf zur Burg Hohenasperg und schließlich, 1940, mit den Todeszügen nach Polen gebracht.

          Der zweite, kleinere Teil der Schau fußt auf einem Konzept der französischen Journalistin Beate Klarsfeld, die vor drei Jahren in französischen Bahnhöfen eine Wanderausstellung mit Fotos von Kindern einrichtete, welche die Reichsbahn aus Frankreich in die Vernichtungslager brachte. Die von ihr und ihrem Mann Serge gegründete Organisation „Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich“ hat NS-Verbrecher wie Klaus Barbie und Kurt Lischka vor Gericht gebracht.

          Beate Klarsfeld hat die aktuelle deutsche Debatte ausgelöst, indem sie Mehdorn öffentlich der Geschichtsvergessenheit bezichtigte. In Berlin zeigt die Deutsche Bahn nun, dass sie ihre Lektion gelernt hat. Frau Klarsfeld sagte bei der Eröffnung, sie hoffe, dass sich die Reisenden, die auf dem Weg zu ihren Zügen durch die Ausstellung kommen, fragen „Warum sind hier diese Kinder?“ - und innehalten. Um eine Liste mit den Namen von achthundert aus Frankreich deportierten österreichischen und deutschen Kindern herum hat sie Einzelschicksale geordnet, die zu Familiengeschichten werden und mit grausiger Sicherheit immer dorthin führen, wo die Bahngleise endeten: nach Auschwitz.

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