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Recycling im antiken Pompeji : Näher, mein Müll, zu mir

Totenruhe: Die Friedhöfe Pompejis lagen wie bei allen römischen Städten extra muros, also außerhalb der Mauern. Bild: Edgar Lissel

Das antike Pompeji hatte ein annähernd geschlossenes Recyclingsystem mit Wertstoffhöfen, enthüllt ein neues archäologisches Buch. Das Pikante daran: Die Müllhaufen lagen auf den Friedhöfen.

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          Als „Pompeji-Paradox“ galt bislang unter Archäologen, Müll wie abgenagte Hühnerknochen und Hochkunst wie aufwendige Kandelaber auf demselben, von der Vulkanasche zugedeckten Tisch zu finden, nicht wie üblich, das eine in einer Abfallgrube und das andere in einem versteckten Schatzhort. Nun haben neue Forschungen ergeben, dass die antike Stadt ein durchdachtes Recyclingsystem in Form von nach Material sortierten „Müllhaufen“ besaß - ironischerweise auf dem Friedhof Pompejis extra muros. Im Vorort Porta Nocera außerhalb der Südmauer von Pompeji fand Allison Emmerson, Professorin für Archäologie der amerikanischen Tulane University, Wertstoffhaufen in direkter Verbindung zu Grabdenkmälern, die zur selben Zeit noch aktiv genutzt wurden.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit den frühesten Ausgrabungen des achtzehnten Jahrhunderts waren außerhalb der Befestigungsmauer von Pompeji in und um die Gräber, die das römische Recht in dieses Gebiet verbannte, große Haufen antiker Abfälle aufgetaucht.

          Auch ohne Radiokarbonmethode exakt zu datieren: Karbonisiertes Brot von einer Tafel Pompejis, beim verheerenden Vulkanausbruch 79 nach Christus neben anderen Lebensmitteln und Speiseresten unter der Asche begraben.

          Wertstoffhöfe auf Friedhöfen

          Frühere Interpretationen hatten diese Müllhügel als „moderne“ Mülldeponien angesehen, was die Trennung zwischen der Zone außerhalb der Mauer und der Stadt innerhalb der Stadt bedeutete und sogar so weit ging, dass nahe gelegene Gräber als verlassen angesehen wurden und nicht mehr von Freunden und der Familie des Verstorbenen besucht wurden . ”Während also die Lebenden weiterhin ihre Toten begruben und zum regelmäßigen Gedenken an die Gräber zurückkehrten, wuchsen unmittelbar daneben Haufen ausrangierter Materialien wie Mörtel und Stuckgips sowie zerbrochene Fliesen und Amphoren, die für neue Bauten verwendet wurden. Die wiederverwendbaren Materialien wurden offenbar direkt in der Totenstadt verkauft und danach wieder in die Stadt gebracht.

          Neben Essensresten und Abfall fanden die Archäologen in Pompeji häufig auf derselben Tafel kostbarste Trinkgefäße: Im Bild vergoldete und mit Oliven-, Wein- und Myrthenlaub dekorierte Silberbecher aus der Oxforder Ausstellung „Das letzte Abendmahl in Pompeji“.

          Auch im Norden Pompejis dasselbe Bild

          Auch in der Nekropole im Vorort Porta Ercolano außerhalb der nördlichen Stadtmauer von Pompeji stapelten sich in und um die Gräber, Häuser und Geschäfte Recyclinghaufen. Was das System funktionieren ließ, war die Bereitschaft der Pompejaner, wie die Archäologin Emmerson beschreibt, „viel näher an ihrem Müll zu leben, als viele von uns heute für akzeptabel halten würden“.

          Recycling und Wiederverwendung seien natürliche Verhaltensweisen des Menschen: „Seit Menschen Werkzeuge verwenden, recyceln und verwenden wir sie auch wieder “, sagt Emmerson. „Die Römer haben das Recycling nicht erfunden. Die moderne Welt hat das Nicht-Recycling erfunden.“ Ihr Buch „Life and Death in the Roman Suburb“, das von eben dieser engen Verquickung von Leben und Tod in den römischen Vorstädten handelt, erscheint am 25. Mai in Oxfords University Press.

          Blick in eine Straße Pompejis, die teils mit wiederverwendetem Baumaterial von den Friedhöfen der Stadt errichtet wurde. Im Hintergrund ist der nahe Vesuv zu sehen.

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