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Reading Prison : Aus der Tiefe der Zelle

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Bis vor Kurzem saßen hier noch junge Straftäter ein: Reading Prison verstand sich einst als Korrekturanstalt. Bild: Reuters

Oscar Wilde war der berühmteste Insasse des Zuchthauses von Reading. Nun hat die Kunstorganisation „Artangel“ Künstler eingeladen, sich mit dem Ungeist des Ortes auseinanderzusetzen.

          Mit Alcatraz, der Bastille, Robben Island und dem Château d’If gehört das Zuchthaus zu Reading zu den berühmtesten Gefängnissen der Welt. Die frühviktorianische Anstalt ist durch Oscar Wilde in die Weltliteratur eingegangen. Hier hat der Gefangene mit der Nummer 3.3.3. – „das Herz gefüllt mit Mitternacht“ – nach seiner Verurteilung wegen Unzucht zwei Jahre eingesessen und 1897 im Zwielicht seiner schmalen Zelle „De Profundis“ (Aus der Tiefe) verfasst, jene bittere, selbstprüfende Rechtfertigung seines Lebens, die sein Biograph Richard Ellmann als einen der längsten und größten Liebesbriefe der Geschichte bezeichnet hat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das strenge Regiment richtete sich nach den damaligen Vorstellungen der Haft als Korrekturanstalt, denen zufolge Häftlinge in Isolation gehalten wurden, um physische und moralische Ansteckung zu unterbinden. Das spiegelt sich in der an Jeremy Benthams Panopticon-Prinzip angelehnten Architektur mit den von einem zentralen Beobachtungspunkt strahlenförmig auslaufenden Zellentrakten. Das von dem Architekten George Gilbert Scott, dem Erbauer der Hamburger Nikolaikirche und des neugotischen Albert-Denkmals in London, wie eine Mischung aus Tudor-Burg und Mustergefängnis entworfene Zuchthaus wurde bei der Einweihung als eines der besten Gebäude der Stadt gepriesen. Bis vor drei Jahren waren noch junge Straftäter dort eingesperrt. Jetzt steht das Gebäude leer.

          Die Resonanz des Gebäudes

          Auch heute beschwört das metallische Scheppern und Klirren beim Gang durch die eisernen Korridore die Zustände, die Wilde in der nach seiner Freilassung entstandenen „Ballade vom Zuchthaus zu Reading“ so plastisch beschrieben hat. Sein Schicksal und die davon untrennbare Resonanz des Gebäudes haben die gemeinnützige Kunstorganisation „Artangel“ inspiriert, die stillgelegte Züchtigungsanstalt mit Kunst zu bespielen.

          Doris Salcedos Installation „Plegaria Muda, 2008-10“. Die kolumbianische Künstlerin setzt sich auch sonst in ihrem Werk mit Verbrechen und Strafe auseinander.

          „Artangel“ hat sich mit einzelnen Auftragswerken profiliert, die eine originelle Symbiose zwischen Kunst und Ort anstreben. Diesmal hat „Artangel“ mehr als dreißig international renommierte Künstler animiert, ihren persönlichen Reaktionen auf Wilde, auf das Gebäude sowie auf damit assoziierte Fragen des Freiheitsentzugs oder – wie dies in den Beiträgen von Marlene Dumas und Nan Goldin geschieht– des Umgangs mit der Homosexualität Ausdruck zu verleihen. Zu den in den Zellen ausgestellten bildenden Kunstwerken gesellen sich Briefe von neun Schriftstellern nach dem Vorbild von „De Profundis“.

          So stellt sich Jeanette Winterson, selbst ein Adoptivkind, vor, wie Shakespeares Hermione aus dem „Wintermärchen“ ihrer Tochter Perdita erklärt, weshalb ihre leibliche Mutter sie nicht großziehen konnte, während Ai Weiwei für seinen Sohn Zeugnis ablegt von seiner Inhaftierung. Das Projekt umfasst neben einer Vortragsreihe auch eine vollständige Lesung von „De Profundis“, die Stars des Kulturbetriebs an den Sonntagen im September und Oktober bestreiten, darunter der Schriftsteller Colm Tóibín, der Schauspieler Ralph Fiennes und die Sängerin Patti Smith.

          Freiheit der Gedanken unterm Mückennetz

          Nicht alle Werke sind eigens für das Projekt geschaffen worden. Einige wirken denn auch wie Füllsel. Doch nehmen andere Künstler, die Reading persönlich besucht haben, ausgesprochen direkten Bezug zur Situation, allen voran Marlene Dumas, die dem Bildnis des romantisch verträumten Wilde ein Porträt seines kaltblütig blickenden Liebhabers „Bosie“ gegenüberstellt. Wolfgang Tillmans’ in einer Zelle aufgenommenes, wie auf einem Bacon-Gemälde verzerrtes Spiegelbild dient als Metapher der Entwürdigung.

          Die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo beschwört mit ihrer an die verschwundenen Söhne ihres Landes erinnernden Installation aus sargähnlichen Tischen und komprimierter Erde Sinnbilder des Todes, die jedoch einen Hoffnungsschimmer bergen. Zwischen dem Holz von „Plegaria Muda“ (Stilles Gebet) blüht in der Form von Grassetzlingen frisches Leben auf. Steve McQueen versinnbildlicht in seiner Skulptur aus einem mit einem vergoldeten Mückennetz behangenen Gefängnisbett die Freiheit der Gedanken.

          Eine Besucherin in Oscar Wildes Zelle, in der der Dichter wegen Unzucht einsaß.

          Eine ähnliche Botschaft spricht aus den Phantasien Robert Gobers mit den in Wand und Fußboden eingelassenen Bächen. In der Gefängniskapelle hat Jean-Michel Pancin Wilde ein berührendes Denkmal gesetzt, indem er die originale Tür von dessen Zelle wie einen gigantischen Grabstein auf einer Betonplatte arrangiert. „Die Menschen deuten auf das Zuchthaus Reading und sagen: ,Dahin führt einen das Künstlerleben‘“, hat Oscar Wilde in „De Profundis“ geschrieben. Der Satz dient mit gutem Grund als Motto für das Projekt.

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