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Raubkunst-Debatte : Provenienzforscher wehren sich

Orte der Raubkunst-Debatte: Die Münchner Pinakotheken, hier das Gebäude der Neuen Pinakothek. Bild: dpa

Die Lust am Skandal treibt die Berichterstattung zur Raubkunst-Debatte voran, wie das Beispiel München zeigt. Jetzt wehren sich die Forscher gegen eine Aufmerksamkeit, der alle Differenzierung verdächtig ist.

          Anfang Oktober erstattete der bayerische Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) dem Landtag Bericht über die Bemühungen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen um Identifikation und Restitution nationalsozialistischer Raubkunst. Im Zentrum standen die „Überweisungen aus Staatsbesitz“, Gegenstände aus der Konkursmasse der Staatspartei, aus der NSDAP-Zentrale einerseits, aus Sammlungen hoher Funktionäre andererseits. Gemäß alliierter Verfügung gingen sie damals ins Eigentum des Freistaats über, der sie auf seine Museen verteilte. Was die Museen nicht haben wollten, wurde verkauft.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die anrüchige Herkunft der Objekte wurde von Zeit zu Zeit öffentlich Thema. Hubertus Falkner von Sonnenburg, Chef der Pinakotheken von 1987 bis 1991, sah sich 1988 veranlasst, eine gewundene Erklärung abzugeben: Die Staatsgemäldesammlungen „müssen davon ausgehen, dass vor der Übernahme der Objekte aus der Treuhandverwaltung für Kulturgut durch alle zuvor zuständigen Amtsstellen in moralischer und juristischer Hinsicht das Notwendige unternommen worden ist, um die Entgegennahme des ehemaligen NS-Besitzes und seine Übertragung in bayerisches Staatseigentum weitestgehend unbedenklich zu machen“.

          Abbruch der Herkunftsforschungen

          Diese Aussage, in der das kontrafaktische Postulat korrekter Amtsgeschäftsführung alle empirischen Belege ersetzte, hat die Staatsregierung widerrufen. Seit 2013 gibt es ein Forschungsprojekt zu den „Überweisungen“. Wie Bernhard Maaz, Generaldirektor seit 1. April 2015, am Montag im Feuilleton der F.A.Z. erläuterte, werden sowohl die rechtlichen Grundlagen der Entgegennahme untersucht als auch Einstellungen und Spielräume der Akteure. Der Bericht des Ministers zitiert eine Einschätzung, die Eberhard Hanfstaengl, Generaldirektor von 1945 bis 1953, im September 1950 abgab: Weitere Nachforschungen seien nicht aussichtsreich, da die Unterlagen in den von den Alliierten eingerichteten zentralen Sammelstellen schon vollständig ausgewertet worden seien. Spaenles Schlussfolgerung: „Insofern ist davon auszugehen, dass eine weitere intensive Provenienzrecherche durch die zuständigen bayerischen Stellen in jener Zeit nicht mehr erfolgte.“

          An dieses offizielle Anerkenntnis der Versäumnisse der zuständigen Amtsstellen schließt sich die Bemerkung an, bei der „Bewertung“ von Hanfstaengls Aussage sei zu berücksichtigen, dass sich „die heutige Provenienzforschung“ mit ihrer „differenzierten Methodik“ erst nach 1998 entwickelt habe. 1998: das Jahr der Washingtoner Erklärung. 44 Staaten vereinbarten Prinzipien für gerechte Lösungen von juristisch erledigten, aber sachlich unerledigten Restitutionsfällen. Der triviale, aber der Tendenz nach entlastende Hinweis darauf, dass den Pinakotheken vorgestern noch nicht die heutige Provenienzforschung zu Gebote stand, rief im Landtag heftige Kritik hervor.

          Der Minister wurde aufgefordert, eine entschiedenere Bewertung von Hanfstaengls Bewertung der Chancen fortgesetzter Nachforschungen vorzunehmen. Eine solche über die Beschwörung zeitgeistbedingter Befangenheiten hinausgehende Zurechnung persönlicher Verantwortung für den Abbruch der Herkunftsforschung legte der Bericht tatsächlich mit seinem Abriss der Ereignisgeschichte nahe. Demnach legten die Amerikaner 1948 „diejenigen Kunstgegenstände“ in bayerische Hände, „die sie bis dahin nicht restituieren konnten“, und zwar ausdrücklich „mit der Maßgabe, dass weiterhin Untersuchungen über die Herkunft durchgeführt werden“. Hatte Hanfstaengl dazu geraten, diese Bedingung stillschweigend zu ignorieren? So war Spaenles Bericht zu verstehen. Dass die Sache womöglich ganz so klar nicht ist, ergibt sich jetzt aus dem allerneuesten Zwischenbericht des Projekts zu den „Überweisungen“.

          Drei Tage lang trafen sich in München die Raubkunstspezialisten. An eine Tagung des Arbeitskreises Provenienzforschung, eines eingetragenen Vereins, schloss sich ein Kolloquium im Zentralinstitut für Kunstgeschichte an. Johannes Gramlich, der Zeithistoriker, der seit Anfang des Jahres mit der Sichtung des braunstichigen Bilderkonvoluts befasst ist, stellte den Abschluss der Untersuchung für 2018 in Aussicht. Er wies darauf hin, dass zwischen der treuhänderischen Übergabe 1948 und der späteren Übereignung zu unterscheiden sei. Mit welchem Nachdruck die Amerikaner die bayerischen Stellen 1948 zu Recherchen angetrieben hätten, ist laut Gramlich eine offene Frage. Werke, bei denen die Alliierten noch mit der Möglichkeit einer Rückgabe gerechnet hätten, seien grundsätzlich nicht in die Treuhandschaft eingegangen, da die Alliierten bis 1955 die Hoheit über Restitutionen behalten hätten. Das bedeutet eine Korrektur des Spaenle-Berichts, der ja von der Übergabe aller 1948 noch nicht restituierten Kunstgegenstände spricht.

          Die Öffentlichkeit will Bescheid wissen

          Nach dem Augenschein der Karteikarten bezieht sich die Verpflichtung zu weiteren Ermittlungen auf einen kleinen Kreis von Objekten, bei denen der Stempeltext, der den Übergang in bayerische Verfügung festhält, um die entsprechende Klausel erweitert ist. Gramlich drückte sich mit vorbildlicher Vorsicht aus: „Ich weiß nicht, wie ernst ich diese Stempel nehmen kann.“ Er hat es mit 890 Objekten zu tun; nicht einmal eines von hundert ist in dieser Weise als möglicher Raubgutrestbestandteil markiert. Ein Bild, dessen Weg durch die Akten der Vermerk begleitet, dass es eventuell zur Restitution geeignet sei, ist die Kopie einer Platzansicht des Barockmalers Jan van der Heyden. Tatsächlich war dieses Gemälde der Wiener Familie Kraus geraubt worden. Bayern verkaufte es an Henriette von Schirach, die geschiedene Frau von Hitlers Statthalter in Wien, die behauptete, es in die Ehe eingebracht zu haben. Heute gehört es dem Dombauverein in Xanten. Dieser Fall, in dem sich Anne Webber von der privaten Commission for Looted Art in Europe für die Erben von Gottlieb und Mathilde Kraus einsetzt, lieferte im Juni den Anlass für eine Serie von Artikeln in der „Süddeutschen Zeitung“, die zu den Anfragen im Landtag und damit auch zu den Auskünften des Kunstministers führte.

          Einer der Kritiker Spaenles, der SPD-Abgeordnete Georg Rosenthal, nahm am Kolloquium im Zentralinstitut teil, um einen Wunsch an die Provenienzforscher zu richten: Sie möchten ihre Ergebnisse doch mit Blick auf die Öffentlichkeit aufbereiten, um die politische Verwendung möglich zu machen. Ute Haug, die Vorsitzende des Arbeitskreises, wies diese freundliche Bitte schockiert zurück. Das Misstrauen gegenüber den Zumutungen, die aus dem Interesse der Öffentlichkeit erwachsen, war ein Leitmotiv der Zusammenkunft. Frau Haug beklagte schon in ihrer Begrüßungsrede, dass Provenienzforscher „Freiwild für Journalisten“ geworden seien.

          Anspruch und Arbeitsbedingungen

          Der Arbeitskreis hat mehr als 150 Mitglieder. Die Provenienzforschung findet Förderer bis hinauf zur Bundeskulturministerin. Aber der Stimmung nach war man in München nicht auf einem Boombranchentreffen. Immer wieder kamen die prekären Beschäftigungsverhältnisse der Forscher zur Sprache, die in der übergroßen Mehrheit Forscherinnen sind. Der kategorische Imperativ der Restitutionsdebatte seit 1998 ist die Gerechtigkeit im Einzelfall. Eine wenig bedachte Konsequenz: Die Experten müssen ihre Lebensplanung auf Werkverträge und Anschlussprojekte ausrichten. Als belastend empfinden sie die Diskrepanz zwischen diesem unsicheren Status und dem Gefühl, dass ihre Auftraggeber von ihnen eine salomonische Weisheit erwarten, die den Direktoren und Ministern die schweren Entscheidungen abnimmt. Vollends unerträglich kann der Widerspruch erscheinen zwischen der Logik der Forschung, die auseinanderlegt und zu vorläufigen Resultaten kommt, und den Mechanismen eines Journalismus der moralischen Zuspitzung.

          Über die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wurde in diesem Jahr eine braune Legende verbreitet, in der die Plünderung der Hitler-Zeit fortgesetzt wird von der Unterschlagung der Nachkriegszeit und der Unterdrückung von Beweismitteln in der Jetztzeit. Diese Geschichte war wie gemacht für die Verwendung durch die Opposition im Landtag. Restitution nicht an die vergessenen Opfer, sondern an die dreisten Täter - ein Motiv wie aus dem „Grafen von Monte Christo“: Die Kampagne arbeitete mit der Suggestion, dass der Fall Schirach typisch gewesen sei. Die Zahlen sprechen dagegen. Das Ergebnis einer genauen Betrachtung der Rolle Hanfstaengls sollte eine faire Würdigung der Restitutionsbemühungen der Nachkriegszeit sein. Was, wenn Alliierte und bayerische Behörden eher miteinander als gegeneinander gearbeitet haben?

          Skandalisierung greift zu kurz

          Wie in der Causa Gurlitt sind beim Komplex der „Überweisungen aus Staatsbesitz“ Erwartungen spektakulärer Enthüllungen geweckt worden. Falls der Befund des Münchner Projekts ähnlich ernüchternd ausfällt wie der Bericht der Gurlitt-Taskforce - wird das dann wieder mit mangelndem Aufklärungswillen erklärt werden? Wie oft wollen die Wortführer der Debatte, die mit dem Imperativ der Einzelfallgerechtigkeit vor ihrem professionellen Gewissen wohl auch die Strategie der Skandalisierung rechtfertigen, wohl noch an dieser Spirale drehen?

          Die Einrichtung von Professuren für Provenienzforschung wird zeigen, ob es sich bei der jungen Disziplin wirklich um ein Fach im Werden handelt, das sachliche Interessen über den Tag hinaus ausbildet. In München äußerte sich Anne Webber ebenso wie der Journalist Stefan Koldehoff skeptisch zu dieser akademischen Institutionalisierung, weil sie Aufmerksamkeit vom einzelnen Kriminalfall abzuziehen droht. Das Misstrauen gegenüber Verfahren, das seit der Konferenz von Washington der Jurisprudenz entgegenschlägt, weil sie auf Frieden durch Fristen und auf formale Gleichbehandlung von Streitenden setzt, richtet sich jetzt auch auf die Wissenschaft.

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