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Raubkunst-Debatte : Provenienzforscher wehren sich

Einer der Kritiker Spaenles, der SPD-Abgeordnete Georg Rosenthal, nahm am Kolloquium im Zentralinstitut teil, um einen Wunsch an die Provenienzforscher zu richten: Sie möchten ihre Ergebnisse doch mit Blick auf die Öffentlichkeit aufbereiten, um die politische Verwendung möglich zu machen. Ute Haug, die Vorsitzende des Arbeitskreises, wies diese freundliche Bitte schockiert zurück. Das Misstrauen gegenüber den Zumutungen, die aus dem Interesse der Öffentlichkeit erwachsen, war ein Leitmotiv der Zusammenkunft. Frau Haug beklagte schon in ihrer Begrüßungsrede, dass Provenienzforscher „Freiwild für Journalisten“ geworden seien.

Anspruch und Arbeitsbedingungen

Der Arbeitskreis hat mehr als 150 Mitglieder. Die Provenienzforschung findet Förderer bis hinauf zur Bundeskulturministerin. Aber der Stimmung nach war man in München nicht auf einem Boombranchentreffen. Immer wieder kamen die prekären Beschäftigungsverhältnisse der Forscher zur Sprache, die in der übergroßen Mehrheit Forscherinnen sind. Der kategorische Imperativ der Restitutionsdebatte seit 1998 ist die Gerechtigkeit im Einzelfall. Eine wenig bedachte Konsequenz: Die Experten müssen ihre Lebensplanung auf Werkverträge und Anschlussprojekte ausrichten. Als belastend empfinden sie die Diskrepanz zwischen diesem unsicheren Status und dem Gefühl, dass ihre Auftraggeber von ihnen eine salomonische Weisheit erwarten, die den Direktoren und Ministern die schweren Entscheidungen abnimmt. Vollends unerträglich kann der Widerspruch erscheinen zwischen der Logik der Forschung, die auseinanderlegt und zu vorläufigen Resultaten kommt, und den Mechanismen eines Journalismus der moralischen Zuspitzung.

Über die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wurde in diesem Jahr eine braune Legende verbreitet, in der die Plünderung der Hitler-Zeit fortgesetzt wird von der Unterschlagung der Nachkriegszeit und der Unterdrückung von Beweismitteln in der Jetztzeit. Diese Geschichte war wie gemacht für die Verwendung durch die Opposition im Landtag. Restitution nicht an die vergessenen Opfer, sondern an die dreisten Täter - ein Motiv wie aus dem „Grafen von Monte Christo“: Die Kampagne arbeitete mit der Suggestion, dass der Fall Schirach typisch gewesen sei. Die Zahlen sprechen dagegen. Das Ergebnis einer genauen Betrachtung der Rolle Hanfstaengls sollte eine faire Würdigung der Restitutionsbemühungen der Nachkriegszeit sein. Was, wenn Alliierte und bayerische Behörden eher miteinander als gegeneinander gearbeitet haben?

Skandalisierung greift zu kurz

Wie in der Causa Gurlitt sind beim Komplex der „Überweisungen aus Staatsbesitz“ Erwartungen spektakulärer Enthüllungen geweckt worden. Falls der Befund des Münchner Projekts ähnlich ernüchternd ausfällt wie der Bericht der Gurlitt-Taskforce - wird das dann wieder mit mangelndem Aufklärungswillen erklärt werden? Wie oft wollen die Wortführer der Debatte, die mit dem Imperativ der Einzelfallgerechtigkeit vor ihrem professionellen Gewissen wohl auch die Strategie der Skandalisierung rechtfertigen, wohl noch an dieser Spirale drehen?

Die Einrichtung von Professuren für Provenienzforschung wird zeigen, ob es sich bei der jungen Disziplin wirklich um ein Fach im Werden handelt, das sachliche Interessen über den Tag hinaus ausbildet. In München äußerte sich Anne Webber ebenso wie der Journalist Stefan Koldehoff skeptisch zu dieser akademischen Institutionalisierung, weil sie Aufmerksamkeit vom einzelnen Kriminalfall abzuziehen droht. Das Misstrauen gegenüber Verfahren, das seit der Konferenz von Washington der Jurisprudenz entgegenschlägt, weil sie auf Frieden durch Fristen und auf formale Gleichbehandlung von Streitenden setzt, richtet sich jetzt auch auf die Wissenschaft.

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