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Raubkunst-Debatte : Provenienzforscher wehren sich

Der Minister wurde aufgefordert, eine entschiedenere Bewertung von Hanfstaengls Bewertung der Chancen fortgesetzter Nachforschungen vorzunehmen. Eine solche über die Beschwörung zeitgeistbedingter Befangenheiten hinausgehende Zurechnung persönlicher Verantwortung für den Abbruch der Herkunftsforschung legte der Bericht tatsächlich mit seinem Abriss der Ereignisgeschichte nahe. Demnach legten die Amerikaner 1948 „diejenigen Kunstgegenstände“ in bayerische Hände, „die sie bis dahin nicht restituieren konnten“, und zwar ausdrücklich „mit der Maßgabe, dass weiterhin Untersuchungen über die Herkunft durchgeführt werden“. Hatte Hanfstaengl dazu geraten, diese Bedingung stillschweigend zu ignorieren? So war Spaenles Bericht zu verstehen. Dass die Sache womöglich ganz so klar nicht ist, ergibt sich jetzt aus dem allerneuesten Zwischenbericht des Projekts zu den „Überweisungen“.

Drei Tage lang trafen sich in München die Raubkunstspezialisten. An eine Tagung des Arbeitskreises Provenienzforschung, eines eingetragenen Vereins, schloss sich ein Kolloquium im Zentralinstitut für Kunstgeschichte an. Johannes Gramlich, der Zeithistoriker, der seit Anfang des Jahres mit der Sichtung des braunstichigen Bilderkonvoluts befasst ist, stellte den Abschluss der Untersuchung für 2018 in Aussicht. Er wies darauf hin, dass zwischen der treuhänderischen Übergabe 1948 und der späteren Übereignung zu unterscheiden sei. Mit welchem Nachdruck die Amerikaner die bayerischen Stellen 1948 zu Recherchen angetrieben hätten, ist laut Gramlich eine offene Frage. Werke, bei denen die Alliierten noch mit der Möglichkeit einer Rückgabe gerechnet hätten, seien grundsätzlich nicht in die Treuhandschaft eingegangen, da die Alliierten bis 1955 die Hoheit über Restitutionen behalten hätten. Das bedeutet eine Korrektur des Spaenle-Berichts, der ja von der Übergabe aller 1948 noch nicht restituierten Kunstgegenstände spricht.

Die Öffentlichkeit will Bescheid wissen

Nach dem Augenschein der Karteikarten bezieht sich die Verpflichtung zu weiteren Ermittlungen auf einen kleinen Kreis von Objekten, bei denen der Stempeltext, der den Übergang in bayerische Verfügung festhält, um die entsprechende Klausel erweitert ist. Gramlich drückte sich mit vorbildlicher Vorsicht aus: „Ich weiß nicht, wie ernst ich diese Stempel nehmen kann.“ Er hat es mit 890 Objekten zu tun; nicht einmal eines von hundert ist in dieser Weise als möglicher Raubgutrestbestandteil markiert. Ein Bild, dessen Weg durch die Akten der Vermerk begleitet, dass es eventuell zur Restitution geeignet sei, ist die Kopie einer Platzansicht des Barockmalers Jan van der Heyden. Tatsächlich war dieses Gemälde der Wiener Familie Kraus geraubt worden. Bayern verkaufte es an Henriette von Schirach, die geschiedene Frau von Hitlers Statthalter in Wien, die behauptete, es in die Ehe eingebracht zu haben. Heute gehört es dem Dombauverein in Xanten. Dieser Fall, in dem sich Anne Webber von der privaten Commission for Looted Art in Europe für die Erben von Gottlieb und Mathilde Kraus einsetzt, lieferte im Juni den Anlass für eine Serie von Artikeln in der „Süddeutschen Zeitung“, die zu den Anfragen im Landtag und damit auch zu den Auskünften des Kunstministers führte.

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