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Raubkunst-Debatte : München leuchtet alles aus

Die Forschung macht solche Fortschritte, dass auch der Verantwortungsbegriff der Museen sich ändert: Der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erklärt, was die Pinakotheken beim Thema Raubkunst tun.

          Sie sind seit anderthalb Jahren in München. Nun stehen Sie mitten in einer erregten öffentlichen Diskussion, in der Ihren Vorgängern Hehlerei zugunsten von Kriegsverbrecherfamilien und Ihnen und Ihren Mitarbeitern Verdunkelung vorgeworfen wird. Haben Sie unterschätzt, welche Herausforderung Sie beim Thema Raubkunst erwartete?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ich habe gewusst, dass es in München Probleme gibt, die mit der Übertragung von Eigentum im 20. Jahrhundert zu tun haben. Nicht geahnt habe ich, dass es um eine so große Stückzahl geht. Ich habe vielleicht auch nicht genau genug gewusst, was es um „Das Zitronenscheibchen“ von Jacob Ochtervelt für Bataillen gegeben hat.

          In Dresden, wo Sie vorher waren, gibt es das Daphne-Projekt, das international einen guten Ruf genießt. Sind die Münchner bei der Provenienzrecherche personell schlechter aufgestellt?

          Dresden hat mehr als 1,5 Millionen Objekte, München hat 25.000 Gemälde und 12.000 Fotografien. Dazu muss man die Personalzahlen in Beziehung setzen. Wir sind das deutsche Museum, das in der Provenienzforschung neben Dresden die meiste Manpower aktiv eingesetzt hat. Daphne ist auch ein Gesamtinventarisationsprogramm. In München ist seit 2008 Andrea Bambi als Provenienzforscherin tätig. Außerdem haben wir jetzt drei weitere Personen für Provenienzen und Sammlungsgeschichte. Und wir werden absehbar eine weitere Stelle aufstocken.

          Absehbar heißt?

          Die Stellenausschreibung wird gerade vorbereitet. Wir werden eine fünfte Person ins Haus holen. Hoffentlich finden wir sie. Die Nachfrage nach qualifizierten Provenienzforscherinnen und -forschern ist sehr groß. Gott sei Dank.

          Soll heißen: Endlich?

          Wir müssen ganz klar an den Anfang jeder Überlegung das Bedauern darüber stellen, dass über Jahrzehnte dieses Thema aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein weggerückt worden ist und daher auch die Museen nicht mehr beschäftigt hat. Man hat in den sechziger Jahren das Gefühl gewonnen und das Bewusstsein gepflegt, dass die Dinge geradegezogen seien. In der Tat waren ja bis dahin viele Restitutionen abgewickelt worden. Übriggeblieben sind oft nur die Fälle, die man nicht lösen konnte oder die man nicht erkannt hat. Auch deshalb, weil die Gesellschaft eine Schlussstrichdebatte suchte.

          Heute wird nun eine Seilschaftdebatte geführt. Für Aufregung sorgten zuletzt Verkäufe aus dem Bestand nachkriegsbedingter Zugänge, die bis in die siebziger Jahre hinein weitergingen. Auch Familienangehörige von Nazi-Größen tätigten Käufe zu geringen Preisen.

          Aus den Akten möchte ich dazu etwas exemplarisch zitieren: „Dass die Angaben der Frau von Schirach nicht zuverlässig sind“, schrieb 1949 Eberhard Hanfstaengl, der Generaldirektor von 1945 bis 1953. „Es wurden weitere Stücke einstweilen im Depot zurückgehalten. Frau von Schirach wurde davon verständigt und gebeten, die notwendigen Unterlagen über den Erwerb hier vorzulegen.“ Man bezweifelte also, dass sie die Kunstwerke, deren Herausgabe sie verlangte, wirklich schon vor 1933 erworben hatte. Hanfstaengl hat sich bemüht, solche Forderungen abzuwehren, musste aber in einzelnen Fällen dem Druck aus den Ministerien und der Finanzbehörde nachgeben. Als nachgeordnete Behörde haben die Staatsgemäldesammlungen eigentumsrelevante Dinge nicht final entschieden.

          Wer entscheidet heute?

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