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Rassismus-Ausstellung Dresden : Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Für ihre Arbeit „This Land is Our Land aka Justice“ knüpfte die amerikanische Künstlerin Tasha Dougé das Sternenbanner aus künstlichem Kraushaar und Baumwolle. Bild: Tasha Dougé/ Foto: Anthony Lewis

Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass: Eine Ausstellung über „Rassismus“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden liefert den Kommentar zur Stunde.

          Diese Ausstellung wird immer aktueller. Schon bevor Mesut Özil aus der Integrationsdebatte eine Rassismusdebatte machte und der Aktivist Ali Can den Hashtag „MeTwo“ lancierte, unter dem Menschen ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus mitteilen, diskutierte das Deutsche Hygiene-Museum (DHMD) in Dresden, worüber nun viele reden. Ein Besuch in der Ausstellung „Rassismus“, die bis Januar zu sehen ist, könnte dabei helfen, sich Klarheit über das zu verschaffen, was gerade allerorten, oft emotional und ideologisch aufgeladen, verhandelt wird.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Historische Herleitung, Aufarbeitung der Kolonialzeit, Vergangenheitsbewältigung, was die Rolle des DHMD als Propagandastätte der nationalsozialistischen Rasse-Idelogie betrifft, Auseinandersetzung mit der Gegenwart, für die in Dresden auch die Pegida-Bewegung steht, Ausblick auf die Zukunft unseres Zusammenlebens: die Kuratorin Susanne Wernsing und ihr wissenschaftlicher Berater Christian Geulen von der Universität Koblenz-Landau haben sich viel vorgenommen. Und sie haben erkannt, dass es nicht reicht, über Rassismus zu reden und „Die Erfindung von Menschenrassen“, so der Untertitel der Ausstellung, in ihrer antihumanistischen Pseudowissenschaftlichkeit zu entlarven. Es müssen diejenigen zu Wort kommen, die Rassismus erlebt haben.

          Rassismus erlebbar machen

          Das geschieht in Form zahlreicher Video-Interviews. Es geschieht mit Hilfe von als Interventionen gedachten Wandtexten von Expertinnen und Experten, die auf Ausstellungsgegenstände reagieren. So soll verhindert werden, dass eine Schau, die sich mit Rassismus auseinandersetzt, ihn unwillkürlich reproduziert. Denn es ist viel zu sehen, was außerhalb ihres Kontextes unzeigbar wäre: Propaganda, zur Schau gestellte Menschen dunkler Hautfarbe, Dokumente gewaltsamer Schädelabformungen. Im Begleitkatalog sind solche Exponate mit Farbflecken überdruckt und lassen sich nur durch eine beigelegte rote Folie betrachten. Eine gelungene Strategie. Rot gedruckt sind auch die Interventionen.

          Peitsche, Fußfesseln und „Sklavenzügel“ aus dem kolonialen Afrika. Bilderstrecke

          Als Intro dient ein Instrument der Selbstreflexion der Afrika-Wissenschaftlerin Josephine Apraku, die die Black-Lives-Matter-Bewegung nach Deutschland gebracht hat. Zu sehen ist ein digitaler Spiegeltryptichon, in dem Zitate der Schriftstellerin Michelle Haimoff aufscheinen: Wenn schwarze Frauen in den Spiegel blickten, sähen sie schwarze Frauen, weiße Frauen sähen Frauen, weiße Männer sähen einfach Menschen. Der weiße Mann als erklärte Norm, die Norm als Machtlegitimation – man kann die Wurzeln dieses Konstrukts bis in Anfänge der westlichen Welt verfolgen. Ihre andauernde Wirkung ist unbestritten. Aber der „weiße Mann“ ist in der Ausstellung das einzige ethnisch und seinem Gender nach eindeutig bestimmte Wesen, während alle übrigen Menschen sich unter Genderstern-Schreibungen versammeln dürfen. Ob uns das voranbringt, darf bezweifelt werden. Eine Kommentatorin im Online-Magazin „Edition F“ urteilte jüngst apodiktisch, „MeTwo“ sei kein Hashtag für weiße Männer, sie seien zu privilegiert. Gegenfrage: Wie sieht es mit rassistisch angefeindeten Bürgern jüdischen Glaubens aus? Haben sie die falsche Hautfarbe?

          Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass, Gruppenbildungen, die Identifizierung von als fremd und feindlich markierten anderen sind zu komplexe Probleme für simples Schwarzweißdenken. Dass Antisemitismus zum Kernbestand des Rassismus gehört, weil dieser die vermeintliche Existenz einer jüdischen „Rasse“ postulierte, zeigt die Ausstellung in aller Deutlichkeit. Sie beginnt mit dem Rasterdenken des neunzehnten Jahrhunderts, für das der Berliner Architekt Diébédo Francis Kéré mit seiner Ausstellungsarchitektur eine bedrückend kongeniale Form gefunden hat. Die menschliche Vielfalt hat sich in hölzerne Regalmodule einzupassen, zuvorderst in Form vermessener Schädel. Da ist das Haupt des Apolls von Belvedere im anatomischen Schnitt als vermeintliches Maß aller Dinge. Da sind Totenmasken mit Etiketten wie „Mathematiker“, „Mörder“, „Idiot“ als Hinweis auf die Nähe der Anthropometrie zur Kriminologie, da sind Büsten der Phrenologen Franz Joseph Gall und Johann Caspar Spurzheim, die an der Kopfform den Charakter eines Menschen und seine geistigen Kapazitäten ablesen können wollten. Asiatische Werbung für Bleichcremes und plastische Chirurgie zur Erlangung eines europäischeren Aussehens schlagen den Bogen in eine Gegenwart, in der Weißsein für viele ein erstrebtes Ideal ist. Die Künstlerin VV Brown thematisiert in ihrem Video „Sacrifice“ das konformistische „Whitefacing“ von Menschen mit dunkler Hautfarbe.

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