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Raoul De Keyser in München : Wuschelhund auf Farbfeldgrund

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Viele der Werke des Malers und ehemaligen Sportreporters lassen eine Herleitung aus dessen unmittelbarer Lebensumgebung erkennen, wenn auch oft aufgelöst in Andeutungen: De Keysers „Hal 3“, 1985–1986, Öl auf Leinwand Bild: F.A.Z.

Mit luxuriöser Leichtigkeit malte sich Raoul De Keyser durch die Stile. Die Pinakothek der Moderne erinnert in München an den vergessenen Meister des freien Umgangs mit Möglichkeiten.

          Fußball und Malerei trennen Welten, möchte man meinen. Bilder von Raoul De Keyser machen allerdings eine Ausnahme: „Endlich jemand, der einen Torpfosten malt“ stand 1970 über einer Ausstellungskritik zur Kunst des Belgiers, und wirklich zeigt „Doelpaal“ einen weißen Winkel aus Pfosten und Querlatte nebst einem Stück Netzstange vor einer Fläche grüner, blauer und gelber Streifen. Man muss nicht zwingend wissen, dass De Keyser als Fußballfan und Sportreporter Spiele kommentierte,bevor er sich der Malerei zuwandte. Aber es ist Beispiel dafür, wie direkt er seine Malerei aus seiner unmittelbaren Lebensumgebung herleitete. Einen Viertelkreis, einen Zickzack, ein Kreuz, sämtlich Abkömmlinge von Kreidemarkierungen des Spielfeldes, lässt er, weiß auf grün, als ebenso reale wie abstrakte Motive die Malfläche befragen oder dem Bildraum Tiefe verschaffen.

          „Mit luxuriöser Leichtigkeit wird die überholte Thematik von Gegenstand und gegenstandsloser abstrakter Malerei umgangen“ lobt Thomas Scheibitz solches Vorgehen im Katalog zur großen De-Keyser-Ausstellung in Münchens Pinakothek der Moderne. Scheibitz ist nicht der einzige Künstler, der hier seine Hommage abliefert, wie überhaupt Maler vor allen anderen den außergewöhnlichen Meister bewunderten. Dass er hierzulande immer noch erstaunlich wenig bekannt ist, sollten die 111 Werke der gemeinsam mit dem Stedelijk Museum voor Actuele Kunst in Gent ausgerichteten Schau nun ändern.

          Keine Unterwerfung

          De Keyser war ein bodenständiger Mensch; im kleinen Ort Deinze in der Nähe von Gent, wo er 1930 zur Welt kam, lebte er bis zu seinem Tod 2012. Abgesehen von ein paar Monaten Abendkurs an der Akademie bildete er sich als Autodidakt aus, was seiner Experimentierlust zugutegekommen sein dürfte, jedenfalls ist das Interesse an jeweils aktuellen Entwicklungen der Kunst sichtbar, über die er trotz seines Provinzstandorts bestens informiert war. Wie gut, zeigen Anspielungen auf Mondrian, Barnett Newman, Palermo, Brice Marden, Lichtenstein und noch einige mehr.

          De Keyser imitiert nicht, er lässt sich zu Kommentaren anregen, zu Fragen nach den Optionen der modernen Malerei. Wer sagt, dass ein Bild zweidimensional sein muss? Es kann ebenso gut als Objekt mit um die Kanten geführtem Motiv im Raum stehen, was die Darstellungen mit baumelndem Gartenschlauch oder einem Campingzelt in popartig reduzierter Bildsprache beweisen. Auch heißt einmal gemalt nicht für alle Zeiten unantastbar; was Jahre nach dem ersten Anlauf passierte, sagt ein Titel wie „Correctie 1973/1982“. Oder „Baron in Al Held-veld“, den wuscheligen, 1964 expressiv gemalten Familienhunds Baron bettet De Keyser nach dem Besuch einer Al-Held-Ausstellung 1966 auf einen strengen Farbfeldgrund nach Art des amerikanischen Hard Edge-Vertreters. Das kratzt schon kräftig am Tabu, aber so führt man Stildogmen ad absurdum und vergisst über ernsten Fragen das Lachen nicht. Im Konterkarieren des Serienprinzips, Bildern einer Reihe gibt er unterschiedliche Formate und allen denselben Titel, setzt De Keyser die spielerischen Prüfungen fort oder auch, wenn er farbgetränkte Pinsel auf die Leinwand wirft, um die Kontrollfunktion des Künstlers zu testen. Das Ergebnis des prozessualen Experiments ist kein neuer Pollock, es ist der zarte Zufallsabdruck des freigelassenen Pinsels.

          Raoul De Keyser in seinem Haus in Deinze

          De Keyser unterwarf sich keiner Stilrichtung, keiner Systematik. Sein Prinzip bestand im Bewahren größter Offenheit, auch im freien Umgang mit Möglichkeiten. Es wirkt, als malte er seine Bilder ausschließlich um ihrer selbst willen, jedenfalls ohne Schielen nach Publikum. Als Beamter an der Genter Universität musste er nicht von seiner Kunst leben, das bewahrte ihn vor der Falle, auf Wiedererkennbarkeit hin für den Markt zu produzieren, der Heterogenität nur bedingt schätzt. Die Kehrseite: Lange blieb er ein Geheimtipp und zweiundsechzig Jahre alt musste er werden, bis Jan Hoet ihn 1992 auf der Documenta IX einem großen Publikum bekannt machte. Da malte De Keyser schon drei Jahrzehnte. Heute ist er in internationalen Sammlungen vertreten und aus Peking und New York reisten Leihgaben an für die Ausstellung, die im ersten Saal einen Querschnitt durch das gesamte Œuvre liefert, dann folgt sie der Chronologie. Anfangs treten Dinge wie ein Stück Stacheldraht oder ein Fenstergriff noch klar als Ausgangspunkte in ein Abenteuer mit der Malerei in Erscheinung. Dass hinter dichten Geflechten dunkler Farbspuren das Astgewirr des Schlangenbaums vorm Atelierfenster steckt, ist ohne Kenntnis von Fotografien De Keysers, die er, wie ein erhellender Katalogbeitrag nachweist, vielen Gemälden zugrunde legte, nicht auszumachen. Später verlieren sich die gegenständlichen Motivquellen immer mehr in Schichtungen und minimalen Andeutungen. Das Thema Fußball aber kehrt häufiger wieder. Auf einem der letzten Werke Raoul De Keysers, dem Kleinformat „Robben 1“ von 2012, klebt mittig ein Zeitungsausschnitt, er zeigt Arjen Robben auf dem Rasen ausgestreckt, den Kopf auf einer Linie. Auf dem Ölbild „Robben II“ blieb nur der weiße Schrägstrich auf Grün, der Spieler ist verschwunden.

          Raoul de Keyser – Œeuvre. In der Pinakothek der Moderne, München; bis zum 8. September. Der Katalog kostet 39,95 Euro.

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