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Zeichnungen von Raffael : Er fesselt Auge und Herz

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Kaum kann seine Hand den Gedanken folgen: Eine erlesene Schau mit Zeichnungen von Raffael in Oxford führt den enormen stilistischen und geistigen Reifeprozess des Künstlers vor Augen.

          Unter den vielen Schätzen der Albertina findet sich einer, der zu den bemerkenswertesten Zeugnissen der Zeichenkunst gehört, weil er auf ein und demselben Blatt zwei Titanen zusammenführt: Raffael und Dürer. Es handelt sich um eine Rötelzeichnung mit drei männlichen Aktstudien, die Raffael als Demonstration seines grafischen Könnens Dürer schenkte. Die Gabe kam, Vasaris „Leben des Raffael“ zufolge, im Austausch für ein mit Tempera gemaltes Selbstporträt Dürers, das Raffael „ganz wunderbar schien“. Vor lauter Begeisterung soll er Dürer mehrere Zeichnungen geschickt haben, von denen sich jedoch nur jene in der Albertina nachweisen lässt, an deren Rand der Empfänger vermerkte, dass der vom Papst hoch angesehene Raffael von Urbino ihm das „nackette Bild“ nach Nürnberg geschickt habe, um „Im sein Hand zw weisen“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die von Dürer notierte Jahreszahl 1515 bezieht sich wohl auf das Jahr, in dem er die Zeichnung mit einer Figur erhielt, die später – bekleidet – wiedererscheinen sollte am linken Rand des weitgehend von Schülern ausgeführten, inzwischen auf 1517 datierten Freskos der Schlacht von Ostia in den vatikanischen Stanzen. Dürer dürfte die Beschriftung erst nach Raffaels frühem Tod im April 1520 formuliert haben, da von ihm in der Vergangenheit die Rede ist. Mit dem Begriff der „Hand“, wie er hier erscheint, hat Dürer freilich Vasaris Vorstellung der Zeichnung (disegno) als Ausdruck von Imagination und Ausführung, von Geist und künstlerischem Vermögen umschrieben.

          Dieses Zeichen gegenseitiger Anerkennung ist eines von fünfundzwanzig Blättern aus der Albertina, die jetzt – neben Spitzenleihgaben anderer internationaler Sammlungen – zu sehen sind in einer erhellenden Ausstellung des Ashmolean Museum in Oxford über das zeichnerische OEuvre Raffaels. Die Schau offenbart, im Sinne Dürers, die dynamische Hand des Künstlers bei der rastlosen Findung von Form und Inhalt. Dabei wird das Bild müheloser Virtuosität widerlegt, die bereits zu Raffaels Lebzeiten den Mythos von Vollkommenheit und idealer Schönheit genährt hat. Das Universitätsmuseum in Oxford besitzt mit rund achtzig eigenhändigen Werken, von denen fünfzig in die mit insgesamt 120 Arbeiten bestückte Ausstellung aufgenommen worden sind, den weltweit reichsten Bestand an Raffael-Zeichnungen. Sie stammen größtenteils aus dem Nachlass des Porträtmalers Sir Thomas Lawrence, der die politischen Umwälzungen der Revolutionsepoche ausnutzen konnte, um die bedeutendste Zeichnungssammlung aller Zeiten aufzubauen.

          In Zusammenarbeit mit der Albertina hat das Ashmolean einen frischen Zugang zur zeichnerischen Tätigkeit Raffaels gefunden, indem es seine Entwürfe nicht bloß als dokumentarische Belege für die Entstehung, Zuschreibung und Datierung von realisierten Projekten betrachtet, sondern als eigenständige Momente der rhetorischen Konzeption, die zugleich die geistige Welt seiner Zeit spiegeln und keimende Gedanken in prägnanter Unmittelbarkeit greifbar machen. Um die vielfältigen Mittel zu erkunden, die Raffael in seinem Streben nach größtmöglicher Expressivität entfaltete, wird die Aufmerksamkeit in Oxford – gelegentlich etwas unbefriedigend – von der Zweckbestimmung der Zeichnungen weggelenkt hin zum kreativen Zusammenwirken von Sehen, Denken, Tun und Materie. Hingegen will die Albertina, wo die Ausstellung in etwas anderer Konstellation durch Gemälde angereichert sein wird, die Zusammenhänge mit den ausgeführten Werken stärker hervorheben.

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