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Raffaels Madonnen in Berlin : Nennen wir es Innigkeit

Raffaels frühe Meisterschaft: Die „Madonna Solly“ von 1502 kam mit der riesigen Gemäldesammlung des englischen Kaufmanns Edward Solly nach Berlin Bild: SMB/Gemäldegalerie/Jörg P. Anders

Die Berliner Gemäldegalerie läutet die Feierlichkeiten zum fünfhundertsten Todestag des Malergenies Raffael mit einer Kabinettausstellung seiner Madonnenbilder ein. Dabei wäre auch ein größerer kulturhistorischer Überblick möglich gewesen.

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          Im Oktober 1504 ging er nach Florenz. Die Herzoginmutter von Urbino gab ihm einen Brief an Pier Soderini mit, den Gonfaloniere der Stadt, in dem sie Soderini den einundzwanzigjährigen Maler ans Herz legte. Der junge Mann, wohlerzogen und „sehr begabt in seinem Beruf“, schrieb Elisabetta Gonzaga, habe sich entschlossen, in die Toskana zu gehen, um von den Meistern zu lernen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und Raffael lernte. Er sah die „Felsgrotten-Madonna“, die „Anbetung der Könige“ und die „Leda mit dem Schwan“ von Leonardo da Vinci, er traf Fra Bartolomeo und andere Maler der dritten Generation der Florentiner Renaissance, er zeichnete, kopierte und eignete sich das Gesehene an. Von Leonardo übernahm er die Dreieckskomposition der Szenen, von Fra Bartolomeo das weichere Kolorit und die Bewegtheit der Figuren, aber nichts, was er malte, wirkte nachgemalt, alles zeugte von einem eigenen, die Vorbilder souverän überbietenden künstlerischen Willen. Bis 1508 blieb er die meiste Zeit in Florenz, wo er nun nicht mehr für kirchliche Auftraggeber, sondern für private Gönner arbeitete, reiche Mäzene aus den Kaufmannssippen der Taddei, Doni, Nasi oder Canigiani, die es sich leisten konnten, seine Gemälde zu kaufen.

          Sie hält ihr Buch wie einen Fächer

          In dieser Zeit entstanden zwei der fünf Madonnenbilder im Bestand der Berliner Gemäldegalerie, die jetzt in einer Kabinettausstellung versammelt sind – das Tondo der „Madonna Terranuova“ mit seinem leonardesken Bildaufbau und der flämisch geprägten Landschaft und die kapriziöse „Madonna Colonna“, die ihr Andachtsbuch wie einen Fächer von sich weghält, während ihr der Jesusknabe eifrig in den Ausschnitt greift, eine Komposition, die der erste deutsche Raffael-Biograph Johann David Passavant 1839 passend als „freien Erguss der Phantasie“ bezeichnete. Und auch die aus der Londoner National Gallery geliehene „Madonna mit den Nelken“ gehört in diese Lebensphase oder besser an ihr Ende, denn die in Seidenbrokat gewandete Madonna und ihr auf einem Samtkissen thronender Knabe sind so ungewohnt prächtig, dass ihre Zuschreibung lange Zeit umstritten war.

          Die drei anderen Madonnen, die „Madonna Solly“, ebenfalls mit Buch, die „Madonna Diotallevi“, mit dem Johannesknaben zur Linken und die „Maria mit dem Kind und den Heiligen Hieronymus und Franziskus“ entstammen dagegen der frühesten Schaffenszeit, als der jugendliche Raffael in der Werkstatt von Pietro Perugino beschäftigt war. In der Solly-Madonna von 1502 ist diese Lehrzeit mit Händen zu greifen: die streng konstruierte, am Horizont verblauende Landschaft, der feiste, aufrecht sitzende Knabe, die langen, wie holzgeschnitzten Finger der Mutter. Aber im Gesicht Marias leuchtet schon ein Vorschein dessen, wofür Raffael bis ins neunzehnte Jahrhundert als größter aller Maler gefeiert wurde. Man kann es Innigkeit nennen oder ekstatische, weltentrückte Schönheit; jedenfalls existierte es vorher nicht in der abendländischen Malerei.

          Des Knaben Wundergriff: Die „Madonna Colonna“ ist die kapriziöse Ausnahme unter den Madonnen aus Raffaels Schaffensphase in Florenz Bilderstrecke

          Die Erwerbungsgeschichte der fünf Berliner Madonnen ist ein Kapitel für sich. Bis auf das Solly-Bild, das aus der Sammlung des englischen Getreidehändlers stammt, die zum Grundstock der 1830 eröffneten Gemäldegalerie wurde, mussten sie alle auf dem Kunstmarkt gekauft+++++ werden. Für die „Madonna Terranuova“ wurde 1854 der stolze Preis von 37 500 Talern bezahlt, während die Diotallevi-Madonna ein Jahrzehnt zuvor für ein Dreißigstel dieser Summe nach Berlin gelangt war. Auch die Nelkenmadonna wäre damals noch zu haben gewesen, aber weil Gustav Waagen, der erste Gemäldegalerie-Direktor, nicht zuschlug, kam sie aus Rom nach England. 2004 erwarb sie die National Gallery für 35 Millionen Pfund aus der Sammlung des Herzogs von Northumberland.

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