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RAF-Ausstellung : Was eigentlich wird zu sehen sein?

Im Kern der Diskussion um die geplante Berliner Ausstellung zur RAF geht es um Wirkungsmacht und Kommentierbarkeit von Bildern. Ein Blick in die Liste der vorgesehenen Kunstwerke.

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          Vor fünfzehn Jahren stellte Gerhard Richter einen Gemäldezyklus mit dem Titel "18. Oktober 1977" vor. Der Zyklus zeigt pathetische Momentaufnahmen aus dem Leben der Terroristen: ein Jugendbild von Ulrike Meinhof, ein Bild der Toten, die Festnahme von Holger Meins, drei Bilder von Gudrun Ensslin, Baaders Zelle in Stammheim, das Bild seines Plattenspielers, die Beerdigung, gemalt nach Bildern aus Polizeiarchiven. Damals wurde Richter in einem Interview gefragt, ob er erwogen hätte, "auch die Opfer der Terroristen zu malen, zum Beispiel Hans-Martin Schleyer". Richter antwortete: "Nein. Nie. Das ist ja das normale Verbrechen, das normale Unglück, das täglich passiert. Was ich gewählt habe, ist doch ein exzeptionelles Unglück."

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Man kann die Wut der Angehörigen, für die der Tod des Vaters oder Mannes vermutlich ebenfalls ein "exzeptionelles" Unglück war, angesichts solcher Äußerungen gut begreifen. Als bekannt wurde, daß der Zyklus im Frankfurter Museum für Moderne Kunst gezeigt werden würde, zog sich die Dresdner Bank, deren Vorstandsmitglied Jürgen Ponto von der RAF ermordet worden war, aus dem Förderkreis des Museums zurück. Richters Werk wurde schließlich vom Museum of Modern Art in New York gekauft und sorgte auch dort, obwohl es immer wieder als einer der wichtigsten Beiträge der Kunst zur neueren Zeitgeschichte und als kritische Beschäftigung mit tödlicher Ideologie gefeiert wird, für Debatten. Der Kritiker David Gordon forderte in "Newsweek", die Bilder durch Porträts der Opfer zu ergänzen.

          Seltsame Ikonenmalerei

          Die Debatte um Richter erlebt nun ihre Wiederkehr anläßlich der geplanten Berliner Ausstellung zur RAF. Im Kern geht es auch in dieser Diskussion um Wirkungsmacht und Kommentierbarkeit von Bildern. Daß in den vergangenen Jahren in einem bestimmten Milieu die RAF zum Modephänomen wurde, läßt sich nicht bestreiten. Das Magazin "Tussi de Luxe" inszenierte die Geschichte der Gruppe als Modestrecke - Models posieren als elegische Terroristen. Zur Londoner Kunstausstellung "Crash" erschien ein Begleitheft mit dem Titel "Prada Meinhof", in Leander Scholz' Roman "Rosenfest" trifft ein zurechtromantisierter Baader eine idealisierte Gudrun Ensslin. Zahlreiche Kunstwerke widmen sich der RAF.

          Ob Odd Nerdrums für die Ausstellung angefragtes Bild "Murder of Andreas Baader" von 1997 oder Johannes Kahrs' Gemälde "Meinhof 2001", das zuletzt in der Frankfurter Schau "Deutsche Malerei 2003" zu sehen war: Die RAF-Terroristen sind längst Gegenstand einer seltsamen Ikonenmalerei, die das "exzeptionelle" der Terroristen feiert. In Literatur und Kunst werden sie wie Popstars präsentiert, mit denen sie die Allgegenwart ihrer Bilder und ihre gleichzeitige reale Verborgenheit ebenso verbindet wie ihr vermeintlich "exzeptionelles" Leben. Ihr früher Tod ist in bester Pop-Tradition nicht Drohung, sondern Versprechen: "Hope I die before I get old", sang schon "The Who".

          Porträts einer tödlichen Ideologie

          Daß die RAF statt mit Musik durch Morde die Welt verbessern wollte, wird vergessen. Ein nostalgisch-jugendliches Milieu schaut mit vernieseltem "Damals-war-noch-was-los"-Blick auf eine zur Abenteurerbande romantisierte RAF. Doch auch in der Kunst selbst gab es Gegenbewegungen zum RAF-Kult der Künste. Vor drei Jahren präsentierte "Susi Pop" in Berlin rosa eingefärbte Siebdrucke von Richters RAF-Zyklus. Die Farbe zerstörte jedes Geheimnis, jedes graue Raunen und machte den Zyklus zum warholartigen Wandschmuck - eine Polemik gegen die elegische Unbestimmtheit der Vorlage.

          Die wenigsten Kunstwerke, die die RAF zum Thema machen, beschäftigen sich mit den Opfern des Terrors. Doch es gibt Ausnahmen, etwa Hans-Peter Feldmanns eindrucksvolles, ebenfalls auf der Wunschliste der Ausstellungsmacher stehendes Werk "Die Toten". Feldmann hat die Bilder der Toten auf beiden Seiten versammelt, Jugendbildnisse, Paßbilder und Aufnahmen der Orte, an denen Terroristen und Opfer zwischen 1968 und 1993 zu Tode kamen. Feldmanns Arbeit ist das unheroische Porträt einer tödlichen Ideologie, sein Prinzip der Bergung vergessener Presse-Bilder machen sich auch die Berliner Kuratoren zu eigen.

          Ein Bildgedächtnis als Herzstück

          Der einzige Künstler, der um eine Auftragsarbeit gebeten wurde, ist der Filmemacher Harun Faroki, der Nachrichtensendungen und Folgen der Sendereihe "Aktenzeichen XY" zur RAF-Fahndung zu einem Dokumentarband zusammenschneidet. Dieser Film, der in Zusammenarbeit mit Wolfgang Kraushaar erarbeitet wird, ist das Herzstück der Schau, ein Bildgedächtnis, an dem man die Entstehung des "Mythos RAF" wird verfolgen können: Welche Bilder wurden vergessen, welche wurden - in Schulbüchern, in der Kunst, von Modemachern, Regisseuren und Schriftstellern - aufgegriffen, und warum?

          Zwischen 1970 und 1977 berichteten Zeitungen auf ganzen Seiten auch vom Schicksal der "zufällig" erschossenen Personen, die am Rande von RAF-Überfällen zu Tode kamen. Auch ihre Geschichten und Bilder sind heute vergessen. Nach Aussage der Kuratoren sollen diese Foto-Berichte in der Ausstellung präsentiert werden. Im dämmernden Revoltenkitsch der neueren Kunstproduktion sollen, so die Hoffnung der Kuratoren, die vergessenen, erschütternden Bilder und Berichte über das Leiden der Opfer ihre Wirkung entfalten, die Konstruktion des "Mythos RAF" offenlegen und seine Wirkung zersetzen.

          Wobei offenbleibt, ob das die Popkultur selbst nicht besser kann. Nichts ist für Ideologie und Mythos so schädlich wie Klamauk. Baader und Meinhof, stets darauf aus, Schrecken zu verbreiten, hätten die Verballhornung ihres Weltrettungsplans sicherlich nicht gern gesehen. Der geschmacklose "Prada Meinhof"-Spektakel war vielleicht schon das Ende eines raunenden RAF-Mythos, an dem einige Künstler noch eifrig herummalen.

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