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Provenienzforschung : Die Raubkunst der Nazis in deutschen Wohnzimmern

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Eine Sensation und ein mutiger Schritt: Die Geschäftsbücher des Kunsthändlers Adolf Weinmüller werden online zugänglich gemacht. Die Veröffentlichung der Auktionskataloge hat unabschätzbare Folgen.

          Man muss nur ein einziges Dokument kennen, um die Dimension dieses Falls namens „Weinmüller“ zu verstehen: die Kunstwerkliste, die Adolf Weinmüller am 26. April 1949 bei den Alliierten einreichte, um die Gemälde, Skulpturen, Teppiche, Zeichnungen oder Kerzenständer zurückzuerhalten, die von den „Monuments Men“ als mögliche Raubkunst beschlagnahmt worden waren. Sie umfasst dreizehn Seiten. Und es ist nur eine von zahlreichen Listen. Zum Vergleich: Die berüchtigte Liste von Hildebrand Gurlitt hat nur fünf Seiten, die ihre traurige Berühmtheit der Tatsache schulden, dass er sämtliche aufgeführten Kunstwerke zurückerhielt und seinem Sohn Cornelius vererbte, was dann im November 2013 den Skandal seinen Lauf nehmen ließ.

          Der Kunsthändler Adolf Weinmüller lebte von 1886 bis 1958 in Bayern. Wie Gurlitt machte er den größten Karrieresprung im Nationalsozialismus, wie Gurlitt war er auch nach 1945 im Kunsthandel aktiv. Bisher war er vorwiegend Fachleuten bekannt. Als 2012 Meike Hopp ihre Doktorarbeit „Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien“ veröffentlichte, war das die erste Publikation, die sich mit ihm beschäftigte. Bis vor wenigen Monaten war nicht einmal sein Aussehen bekannt. Inzwischen ist eine Fotografie aufgetaucht, sie zeigt einen älteren Herrn mit Brille bei einer Auktion, unauffällig, gediegen.

          Vorreiter in Sachen Transparenz

          Ab jetzt könnte der Name Weinmüller dafür stehen, wie man mit dem Kapitel Raubkunst vorbildlich verfährt. Denn von heute an können über die Datenbank „Lost Art“ sämtliche überlieferte Kataloge des Auktionshauses Weinmüller der Jahre 1936 bis 1944 öffentlich eingesehen werden: Es handelt sich dabei um Informationen aus 93 annotierten Katalogen, solchen also, in denen handschriftlich Einlieferer, Verkaufspreis und Käufer vermerkt sind. Sie umfassen vollständig die 33 Münchner Versteigerungen des Hauses Weinmüller von 1936 bis 1943 und - zum großen Teil - die achtzehn Wiener Auktionen bis 1944. Der Kunsthandel nennt diese Informationen „Geschäftsdaten“ - und ebendas ist das Novum: Nie zuvor wurden in Deutschland in Privatbesitz befindliche Geschäftsdaten veröffentlicht, die NS-Raubkunst betreffen. Erstmals unterstützt eine private Initiative die Provenienzforschung. Notabene: Hildebrand Gurlitts Geschäftsbücher sind bis heute unveröffentlicht.

          „Ich empfinde es als großes Glück“, so Katrin Stoll gegenüber dieser Zeitung, „diese schwierige Aufgabe gemeinsam mit dem besten Team und den besten Partnern, die ich mir wünschen könnte, gestemmt zu haben.“ Im Keller ihres Unternehmens waren am 18. März 2013 in einem Stahlschrank diese Auktionskataloge gefunden worden. Seit 2008 ist Katrin Stoll Geschäftsführerin des Auktionshauses Neumeister, das ihr Vater Rudolf Neumeister 1958 von Adolf Weinmüller übernahm.

          Bereits 2009 beauftragte sie Forscher des Zentralinstituts für Kunstgeschichte mit der Aufarbeitung ihrer Firma. Sie - Meike Hopp, Christian Fuhrmeister und Stephan Klingen - übernahmen auch die Übertragung und Digitalisierung der gefundenen Geschäftsunterlagen. Deren Existenz war von Weinmüller nach 1945 stets bestritten worden. „Bei Luftangriffen zerstört“, lautete die Antwort. Auch diese Lüge klingt bekannt. Kein anderes deutsches Auktionshaus hat bisher sein Archiv für die Forschung geöffnet. In einer beispielhaften Public-Private-Partnership hat Neumeister noch dazu die Aufarbeitung des firmeneigenen Bestands zum Teil selbst finanziert. „Dass so etwas möglich ist, hätte wohl niemand gedacht“, sagt Katrin Stoll.

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