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Protest gegen China : Der ganze Tierkreis klagt an

  • -Aktualisiert am

Die Enthüllung von Ai Weiweis Plastik „Circle of Animals/Zodiac Heads“ in New York wird zum Forum politischen Protests gegen chinesische Willkürjustiz. Bürgermeister Bloomberg setzt ein mutiges Zeichen.

          Als er noch ein freier Mensch war, empfahl Ai Weiwei, nicht so viel in diese zwölf bronzenen Tierköpfe hineinzugeheimnissen. Kinder und auch Erwachsene, die sich in der Kunstwelt nicht auskennen, sollten dennoch ihren Spaß daran haben. Wie an Micky Maus. „Das sind doch bloß Tiere“, versicherte Ai, als wäre er ein Zoowärter oder Tierladenbesitzer. Zweifellos sind sie das, aber die zwölfköpfige Herde lässt sich doch nicht so leicht auf ein reines Unterhaltungsprogramm festlegen. Die Sache mit den zwölf Monumentalbronzen ist sogar äußerst kompliziert - künstlerisch, historisch, politisch und kommerziell.

          Unter dem Titel „Circle of Animals/Zodiac Heads“, der ganz harmlos auf die chinesischen Tierkreiszeichen anspielt, erzählt Ai auch eine Geschichte, die bis heute noch kein Ende gefunden hat. Nachempfunden sind die Tierköpfe nämlich den Figuren jener einst berühmten Wasseruhr, die im Yuanming Yuan, dem alten Sommerpalast des Qianlong-Kaisers, den Lauf der Zeit mit Fontänenstrahlen markierte. Der marmorne Prachtbau, von Jesuiten Anfang des achtzehnten Jahrhunderts im feinsten Rokoko entworfen, wurde anderthalb Jahrhunderte später von britischen Truppen in Schutt und Asche gelegt: als Rache für die Gefangennahme und Folterung englischer und französischer Diplomaten. Die zwölf Tierköpfe verschwanden.

          Sieben von ihnen sind bis heute wieder aufgetaucht, davon zwei in der Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé. Die Versteigerung der beiden Skulpturen nach dem Tod von Saint Laurent wuchs sich zum internationalen Zwischenfall aus. Ais Tierkreis, etwas genauer besehen, ist also mit viel historischem Gepäck nach New York gekommen. Und welches Bündel wir davon aufschnüren, überlässt der Künstler wieder mal uns. Will er China reizen, indem er einen chinesischen Kulturschatz, wenn auch nur als Nachbildung, ins Ausland entführt? Will er den Westen brüskieren, indem er auf dessen Plünderungszüge anspielt? Oder will er ein künstlerisches Exempel statuieren und seine überdimensionalen Büsten in den Nebeln von Original und Kopie, von Authentizität testen? Will er vielleicht gar die Skulpturenherde, von der oft nicht zu sagen ist, ob die Tiere lachen oder drohen, durch den Sumpf unserer zwischenmenschlichen und -staatlichen Verstrickungen, Ungereimtheiten und Missverständnisse treiben?

          Ganz sicher aber ist, dass Ai die heute vorherrschende Bedeutungsschicht nicht eingeplant hat: Durch die Inhaftierung des Künstlers hat sich der „Circle of Animals/Zodiac Heads“ in eine Protestveranstaltung verwandelt. Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, sonst eigentlich nicht bei der Enthüllung künstlerischer Installationen zugange, war ein Hauptredner, der sich auf diplomatische Feinheiten nicht einließ: „Heute stehen wir hier solidarisch mit den Millionen von Menschen in aller Welt, die hoffen, dass Ai Weiwei schnell und unversehrt wieder in Freiheit kommt.“ Bloomberg, der sich und seinem auch in China engagierten Medienunternehmen damit bestimmt keinen Gefallen getan tat, war jedenfalls mutiger als manch ein Politiker. Zwischen Plaza Hotel und Apple Store, von der römischen Obst- und Gemüsegöttin Pomona statuesk beschützt, wird „Circle of Animals/Zodiac Heads“ nun mitten in der Stadt auf einem ihrer quirligsten Plätze die Leute zum Schauen und Nachdenken bringen. Kunst, Debatte, Protest die nächsten zweieinhalb Monate, rund um die Uhr.

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