https://www.faz.net/-gqz-6rpt3

Porträtfotografie : Das Blut und die Ordnung der Menschen

Totgesagte leben länger: Die amerikanische Künstlerin Taryn Simon beeindruckt in der Neuen Nationalgalerie Berlin mit ihrem Projekt „A living man declared dead“, weil sie die Bildtradition der Porträts verändert.

          5 Min.

          Als Shivdutt Yadav eines Morgens auf dem Einwohnermeldeamt erschien, fand er heraus, dass er seit längerem tot war.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dies ist nicht der Beginn einer phantastischen Novelle des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, sondern eine reale Geschichte aus der Gegenwart. Im indischen Uttar Pradesh hatten andere Nachkommen von Yadavs Vater die Behörden bestochen, Yadav und seine Brüder für tot erklären zu lassen. Nach ihrem offiziellen Tod fiel ihr Land an die Verwandten, die nun Yadav bedrohten, sein Haus zerstören zu lassen, wenn er es nicht verließe. Yadav versuchte, gegen die Toterklärung zu klagen, aber die Gerichte taten nichts: Wer einmal als tot im Computer abgespeichert ist, kann nicht klagen.

          Es ist diese albtraumhafte Geschichte, die der neuesten Arbeit der amerikanischen Künstlerin Taryn Simon ihren Titel gab: „A living man declared dead and other chapters I-XVIII“. Für eines dieser Kapitel hat Taryn Simon Yadav, den offiziell Toten, und seine Familie fotografiert: Es sind kühle Porträts vor neutralem, cremefarbenem Grund - aber diese fast bürokratische kühle Ästhetik ist nur die Form, in der Simon Geschichten fasst, die so phantastisch und grauenhaft sind, dass der Begriff des fotografischen Realismus, der oft auf ihre Kunst angewendet wird, eher fehl am Platze ist.

          Contergangeschädigte und Albinos

          Taryn Simon, 1975 in New York geboren, wurde vor zehn Jahren mit der Porträtserie „The Innocents“ bekannt, für die sie die Opfer von Justizirrtümern an den vermeintlichen Tatorten fotografierte: Man sieht auf diesen Bildern gebrochene Menschen, oft Afroamerikaner, die von mehrheitlich weißen Jurys aufgrund zweifelhafter Beweise zur Todesstrafe oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, bis, Jahrzehnte später, eine Genanalyse ihre Unschuld beweisen konnte; die Größe und Schönheit dieser Monumentalformate war auch eine Methode, diesen Menschen ihre Würde zurückzugeben und ans Licht zu bringen, was von den Justizbehörden schamvoll verschwiegen wurde.

          Das gilt auch für einige Kapitel in „A living man declared dead“; die Serie macht ungeheuerliche Geschichten und Dramen sichtbar - hier allerdings unter dem Fokus von Blutsverwandtschaften. Die Porträtserien zeigen Menschen, die durch ihr Blut, ihre Herkunft, einem gemeinsamen Schicksal ausgesetzt sind: die Familien von afrikanischen Albinos, die in Tansania gejagt und bestialisch ermordet werden, weil ihre Haut angeblich übernatürliche Kräfte birgt; die Familie eines von Nordkorea entführten südkoreanischen Fischers; die contergangeschädigten Kinder einer Frau, die gegen den Hersteller von Thalidomid kämpfte; den Doppelgänger von Udai Hussein und seine Familie; die Nachfahren des Zionisten Arthur Ruppin, der 1907 nach Palästina ging, um Land für jüdische Siedlungen zu erkunden; die Frauen und Kinder des kenianischen Heilers Joseph Nyamwanda Jura Ondijo, der den Ruf hat, Geister und HIV-Infektionen aus den Körpern seiner Patienten vertreiben zu können, wofür er sich mit Tieren, Geld oder, so erzählt es Simon, mit Frauen beschenken lässt, die dann unfreiwillig mit ihm verheiratet worden seien; schließlich die Eltern und Kinder der von Serben im Massaker von Srebrenica ermordeten Muslime, die in der Fotoserie durch Knochenfunde repräsentiert werden.

          Weitere Themen

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Topmeldungen

          Andernorts ergibt sich die Dringlichkeit der Präsentation aus der Umgebung. Im neoklassizistischen Palast am Wannsee muss sie mit kuratorischen Mitteln erzwungen werden.

          Haus der Wannseekonferenz : Was wir fühlen sollen

          Von einer Gedenkstätte zum Geschichtsmuseum: In der neuen Ausstellung im Haus der Wannseekonferenz soll der Holocaust nicht nur als historisches Geschehen, sondern als stets gegenwärtige Mahnung begriffen werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.