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Peter Lindbergh : Die Suche nach dem intensiven Blick

Man kennt ihre Namen, und man kennt ihre Gesichter. Doch Peter Lindbergh zeigt Frauen vor allem als große Rätsel. Zu seinem siebzigsten Geburtstag erscheint nun ein opulenter Porträtband.

          „Images of Women“ ist ein eindeutiger Titel für ein Fotobuch. Aber in Peter Lindberghs jüngstem Bildband, einem Schwergewicht im riesigen Format, rechtzeitig erschienen zum siebzigsten Geburtstag des Fotografen am kommenden Sonntag, ist dann doch etwas mehr zu sehen. Einige Männer zum Beispiel. Und einige Landschaften. Eine dieser Aufnahmen steht einem Porträt von Tatjana Patitz gegenüber: unten ein paar Büsche und ein Baum, oben ein dramatischer Himmel mit aufgebauschten Wolken, vom Wind zerrissen und in die Höhe gejagt. Ja, ja, assoziiert man da sogleich, ja, ja, das waren stürmische Zeiten, als Models wie Tatjana Patitz, Linda Evangelista und Naomi Campbell, Cindy Crawford und Christy Turlington durch die Aufnahmen von Peter Lindbergh zunächst zu Supermodels wurden und bald darauf zu Megastars und sie mit ihren jungen, frechen, frischen Gesichtern ganz nonchalant in der Hochglanzpresse jene Glamourrolle übernahmen, die bis dahin in fester Hand der Kinostars zu liegen schien. Was umso überraschender war, als diese jungen Frauen auf vielen Bildern all das Getue um ihre Person mit geradezu entwaffnender Natürlichkeit konterkarierten. Keine affektierten Posen, kaum Make-up, und die Kleider, die sie trugen, spielten schon gar keine Rolle - oft genug trugen sie nicht einmal welche. Schaut her, schienen die Mannequins durch Peter Lindberghs Fotografien zu sagen, wir sind doch auch nur Mädchen. Das ist jetzt ein Vierteljahrhundert her.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Ein Mädchenfotograf ist Peter Lindbergh freilich nie gewesen. Er ist ein Frauenfotograf, weshalb sein neues Buch auf die paar Männer auch gut hätte verzichten können. Was Lindberghs Auftraggeber interessiert, sieht man in Werbebildern und Modestrecken: unprätentiöse Lust am Leben und an der eigenen Weiblichkeit, außerdem das Gefühl, es würde eine Geschichte erzählt. Lindbergh griff dazu in anekdotenhaften Inszenierungen gern auf Vorbilder des Stummfilmkinos und der Fotografiegeschichte zurück, oft aus den zwanziger Jahren, weshalb manche dessen Arbeiten als Verlängerung des deutschen Expressionismus begriffen. Aber es handelte sich doch eher um werbetaugliche Zitate als um eine künstlerische Fortentwicklung.

          Diese gewisse Wirklichkeit hinter der Fassade

          Die Interessen Peter Lindberghs sind auch ganz andere, wie die Auswahl für sein jüngstes Buch belegt. Schon einmal hat es einen Band mit diesem Titel gegeben, Ende der Neunziger. Er lieferte ganz offensichtlich einen Überblick über Lindberghs kommerzielle Arbeiten sowie einige Aufnahmen, die am Rande von Produktionen entstanden sind. Diesmal, im Folgeband mit Aufnahmen aus den Jahren 2005 bis 2015, ist der Anlass für die Fotografien weniger eindeutig. Fast glaubt man, viele der Bilder seien eigens für das Buch entstanden. Es ist eine Serie von Porträts, mehr noch: von Studien von Gesichtern. Inszenierte Spielereien mit Anleihen bei Fotokünstlern wie André Kertész oder Richard Avedon bleiben die Ausnahme.

          „Ich möchte wirkliche Personen fotografieren, nicht das Model“, hat Lindbergh einst erklärt. „Was mich interessiert, ist diese gewisse Wirklichkeit hinter der Fassade.“ Das scheint zunächst ein denkbar ungewöhnliches Ansinnen im Metier von Mode und Kosmetik, in dem es doch in erster Linie um Fassadenrenovierung geht. Aber Lindbergh ist nicht der erste große Modefotograf, der sich auf Dauer nicht mit Hülle und Oberfläche zufriedengeben mag. Allerdings landet er nicht im Zynismus verzerrter Fratzen wie etliche seiner Kollegen. Was er sucht, sind intensive Blicke. Viele der Konterfeis, fast alle im Querformat fotografiert, sind denn sogar eng angeschnitten. Aber selbst dort, wo Frauen nackt an der Studiowand lehnen oder hingestreckt auf dem Boden liegen, sind es immer die Augen, auf die man letztendlich schaut. Nein: in die man schaut, muss es heißen.

          Das Fenster wird zum Spiegel

          So spielt es auch eine untergeordnete Rolle, wen Lindbergh vor der Kamera hatte. Es herrscht kein Mangel an Prominenz - von Monica Bellucci und Juliette Binoche über Milla Jovovich und Charlotte Rampling bis Kate Winslet und Reese Witherspoon. Dennoch ist das Buch kein Star-Album. Vielmehr versammelt es Blicke, die zwischen Herausforderung und Skepsis changieren, die mal Kraft und mal Zartheit vermitteln und die Lindbergh in gewissem Maß sogar nach ihrem Ausdruck, nach der Physiognomie, sortiert hat, so dass sich beim Blättern Stimmungen verdichten oder allmählich ändern.

          Fast immer bohren sich die Blicke direkt ins Objektiv der Kamera, und man sollte nun annehmen, dass umgekehrt der Betrachter durch ebendiese Augen direkt in die Seele all dieser Damen schaut. Das aber passiert nicht. Sie bleiben vielmehr rätselhaft, sphinxisch. Und man prallt an diesen Augen ab. Eher gleichen sie Spiegeln, in denen man sich nur selbst reflektiert.

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