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Pop-Artist Claes Oldenburg : Diese Arbeit versteht jedes Kind

Zu weich? Oldenburgs „Houseball“ 1996 in Bonn Bild: Picture-Alliance

Kluge Persiflage oder kindisches Riesenspielzeug? Claes Oldenburg, Pop-Artist der ersten Stunde, wird neunzig Jahre alt. Umstritten ist er immer noch.

          Obwohl Claes Thure Oldenburg als Künstler denkbar weit weg zu sein scheint von seinem Vater, einem hohen schwedischen Diplomaten, übernahm der Sohn etwas Wichtiges von ihm. Der Bildhauer, der mit seinen monumentalen Skulpturen in den Innenbezirken vieler Großstädte dieser Erde zu einem Inbegriff der Pop Art wurde, war gleichzeitig immer versöhnlicher Diplomat in Sachen einer Kunst, die nicht durch abstrakte Fremdheit einschüchternd wirken will, sondern vielmehr durch die unübersehbare Vergrößerung alltäglicher Gegenstände die vermittelnde Kommunikation mit ihren Betrachtern sucht.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn etwa vor einem Hochhaus ein riesiger ausgetretener Zigarettenstummel die Glitzerwelt der Fassaden empfindlich stört, versteht diese Arbeit jedes Kind – was per se nichts Schlechtes sein muss. Ebenso gehört die 1982 für die Documenta 7 in Kassel entstandene zwölf Meter hohe Spitzhacke am Fulda-Ufer bis heute zu den beliebtesten Fotomotiven, weil noch stets die gleichsam Grimmsche Märchenerzählung des Künstlers verfängt, der Kasseler Herkules selbst habe dieses Symbol des Nachkriegswiederaufbaus vom Berg bis an diese Stelle geschleudert.

          Riesenschrauben und Werkzeuge

          Die ersten dieser Vinyl-Plastiken und Soft-Sculptures fertigt Oldenburg, der seit 1956 nach einem Kunststudium in Yale und am Art Institute of Chicago in New York lebt und arbeitet, ab dem Jahr 1963. Zu diesem Zeitpunkt weisen sie noch Normalgröße auf und sehen in den Lofts ihrer New Yorker Besitzer aus, als habe ein Haushaltsgegenstand aus Plastik versehentlich zu lange an der Heizung gestanden und sich ungewollt verformt. Die wie geschmolzen wirkenden Kloschüsseln, Tortenstücke, Pasteten und Eistüten verwandeln die aseptischen White Cubes der Galerien und schicken Loftinterieurs instant und anarchisch in schmuddelige Abfallhalden des amerikanischen Konsumismus.

          Der Künstler enthält sich diplomatisch jeder Interpretation: Oldenburgs „Eistüte“ am Neumarkt in Köln Bilderstrecke

          Ab 1965 folgt mit dem Gang in den Außenraum der himmelstürmenden Wolkenkratzer New Yorks der monumentaIisierende Blow-up-Effekt seiner Pommes Frites und Hamburger, seiner gebogenen Riesenschrauben und Werkzeuge, im Grunde die logische Konsequenz aus dieser gigantomanischen Kulisse, vor der jede „nur“ lebensgroße Plastik schlicht übersehen würde – der amerikanische Lebensstil ist eben nicht erst seit Trump „larger than life“. Oldenburg übersetzt letztlich Salvadore Dalís weichgekochte Bohnen und Uhren ins dreidimensional-gigantische, die dadurch etwas Unheimliches erhalten, weil der Betrachter durch den naturalistischen Täuschungseffekt in einem übergroßen Objekt zugleich etwas Solides und Hartes erwartet. Auch deshalb sollte man im Deutschen, das die präzise sprachliche Trennung zwischen aus einem harten Block gemeißelter Skulptur und oft um einen Kern in den Raum modellierter Plastik kennt, sinnvollerweise nicht von „Soft-Sculptures“, sondern von „Weich-Plastiken“ sprechen.

          Opfer scharfer Kritik

          Weichheit aber macht verletzlich. Das schwabbelige Kind wird Ziel gehässiger Angriffe in der Schule, Oldenburgs wabbelige Plastiken, die nichts von den unerreichbaren Teflon-Ikonen Warhols oder den Hochglanzbildern Rauschenbergs besitzen, werden wiederholt Opfer scharfer Kritik: Sie seien reine Affirmation, ein vollkommen beliebiges Ausschütten kindischen Riesenspielzeugs in die Citys als Refugium der Reichen. So steht in Frankfurt am Main am Fuß eines 208 Meter hohen Hochhauses eine scheinbar vom Winde verwehte, mehr als zehn Meter hohe Gigantenkrawatte, die zusammen mit seiner 2009 verstorbenen Gefährtin Coosje van Bruggen entwickelte Skulptur „Inverted Collar and Tie“.

          Die überdimensionierte und zusätzlich flatterhafte Krawatte könnte als Persiflage auf die im Tower arbeitenden, stets korrekt gekleideten Büromenschen gelesen werden, die vielleicht hinter dem Spiegelglas weniger glanzvolle Geschäfte absolvieren als die adrette Kleidung vorgibt. Der Künstler aber enthält sich diplomatisch jeder Interpretation, und mit einem mutmaßlich großen Schmunzeln über die ungelöste Frage nach dem politischen Charakter seiner Pop Art feiert Claes Oldenburg heute seinen neunzigsten Geburtstag – vermutlich mit einer mehr oder weniger weichen Tortenplastik in Originalgröße auf dem Teller vor sich.

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