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Ausstellung zu Sister Corita : Ihre Kunst feiert die göttliche Schöpfung

Die heilige Künstlerdreifaltigkeit aus Farbe, Komposition und neuem Kontext, dazu topaktuell: Corita Kents „E“ aus ihrem „Circus Alphabet“ von 1968 Bild: Corita Kent/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Sunkist-Sonnen treffen auf Camus: Eine Ausstellung in Innsbruck zeigt Werke von Corita Kent, der „Lieblingsnonne“ Andy Warhols.

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          Kaum ein besserer Beleg für die Aktualität guter Kunst lässt sich denken als dieser: Eine Besucherin fragt bei der Ausstellungseröffnung angesichts der gezeigten Werke mit antirassistischen Inhalten, ob man die Künstlerin nach ihrer Meinung zu den Rassenunruhen in ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten, etwas fragen dürfe – doch die Künstlerin, Corita Kent, ist seit vierunddreißig Jahren tot, und das Bild, auf das sich die Frage bezog, stammt aus dem Jahr 1968. In der Western-Typographie alter „Wanted“-Fahndungsplakate und in den Freiheitsfarben der amerikanischen Flagge Rot-Weiß-Blau setzt Kent dort Wortketten hintereinander, aus denen das Auge Sinneinheiten wie „ASSASSINATION“, aber auch „SIN“ und „NATION“ und immer wieder „I“ und „AMI“ herausschneidet.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Indem die Wortcollage als Bild überzeugt, vermag der Betrachter die Worte zusätzlich noch in einzelne kleinere „Wort-Bilder“ zu zerlegen und zu lesen sowie sie mit völlig neuer Bedeutung vor dem inneren Auge aufzurufen. Genau genommen müsste man hier also von der „Zeitlosigkeit guter Kunst“ sprechen, offenbart die Frage der Besucherin doch indirekt auch den traurigen Umstand, dass sich im vergangenen halben Jahrhundert in dieser Angelegenheit wenig zum Positiven gewendet hat.

          Wortgewitter angesichts der Verheerungen in Vietnam: Corita Kents Siebdruck „American Sampler“, 1969
          Wortgewitter angesichts der Verheerungen in Vietnam: Corita Kents Siebdruck „American Sampler“, 1969 : Bild: Corita Art Center/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

          Ihre Bilder prangen auf Gastanks und Briefmarken

          Dies ist aber mutmaßlich zugleich eines der Geheimnisse der anhaltenden Faszination von Andy Warhols „Lieblingsnonne“ Corita Kent in Amerika. Nun ist ihr in Europa im barocken Taxispalais in Innsbruck nach einer Ausstellung 2007 im Kölner Museum Ludwig erst die zweite große Retrospektive gewidmet. Während in den Vereinigten Staaten jedes Kind „Sister Mary Corita“ kennt, etwa von ihren stadtbildprägenden monumentalen Bostoner „Gas Tanks“ in Regenbogenfarben, und ihr sogar eine Briefmarke gewidmet wurde, ist sie in den deutschsprachigen Ländern noch wenig im Bildgedächtnis verankert.

          Innsbruck zeigt sie klug entschlackt von jeder religiösen Folklore, allein als Künstlerin – als die sich die Professorin für Kunst am Ordens-College auch immer fühlte. Treffend titelte die „Los Angeles Times“ am 12. Januar 1969 über Kent: „Einst Nonne, immer Künstlerin.“ Fokussiert auf ihre künstlerisch besten Jahre 1962 bis 1968, als sie aus dem Orden des „Immaculate Heart of Mary“ in Los Angeles austrat, zeigt sich dennoch ein dritter Weg der Kunst, der vor die Säkularisierung der Malerei zurückgeht, dabei eine entschieden spirituell-kämpferische Haltung demonstriert.

          Die Ausstellung, die sich auf zwei große Säle mit Siebdrucken und kontextualisierenden Zeitdokumente sowie zwei Filmsäle zu Leben und Werk Corita Kents konzentriert, beginnt bewusst unchronologisch mit dem viel zu selten gezeigten „Circus Alphabet“. In dieser Serie von sechsundzwanzig quadratischen Siebdrucken kombiniert sie jeweils einen formatfüllend groß gedruckten Buchstaben des Alphabets mit einem mehr oder weniger frei assoziierten Bild aus einem Zirkusbuch des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts und einem literarischen Text ihrer Zeit. Was sich dabei an Wahlverwandtschaften und Doppelbödigkeiten zwischen den so unterschiedlichen Ebenen Text und Bild auftut, ist enorm. Corita Kents Glaube an die Macht des Wortes, das Berge versetzen oder im Fall des von ihr bewunderten und mehrfach in den Bildern zitierten Martin Luther King Menschen emanzipieren kann, war noch ungebrochen. Beim Buchstaben E etwa, gedruckt in einer von ihr häufig benutzten Western-Type, legt sich ein wach geöffnetes Auge mit leicht skeptisch hochgezogenen Augenbrauen über die Letter. Darunter ist in energischer Handschrift ein Satz von Albert Camus gesetzt: „Should like to be able to love my country and still love justice“.

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