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Pop-Art-Ausstellung in Berlin : Geifernde Zungen als Pinselschläge

Das Berliner Kupferstichkabinett präsentiert seine Sammlung europäischer und amerikanischer Pop-Art: Die Bilder von Andy Warhol, Robert Rauschenberg und anderen machen wehmütig – und manche erschrecken.

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          In zwei Jahren könnte die Pop-Art ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag feiern. So alt ist das älteste Kunstwerk, in dem das Wort „Pop!“ auftaucht, Eduardo Paolozzis Collage „I Was A Rich Man’s Plaything“ von 1947. Sie hängt heute in der Londoner Tate Gallery. Auch das Berliner Kupferstichkabinett besitzt einige von Paolozzis frühen Collagen, die er in den siebziger Jahren im Siebdruckverfahren reproduzierte. Die bekannteste, die einen Muskelmann in Badehose, ein Pin-up-Girl, eine Familienlimousine und einen stilisierten Phallus zusammenbringt, stammt aus dem Portfolio „Bunk!“ von 1952. Der Titel zitiert einen Satz des Autoindustriellen Henry Ford, der erklärt hatte, Geschichte sei „bunk“, Quatsch, ihn interessiere nur die Gegenwart. Die Ausstellung am Kulturforum, in der die Geschichte der Pop-Art-Sammlung des Kupferstichkabinetts mit der Geschichte der Pop-Art überblendet wird, zeigt, dass das nicht stimmt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Was Pop-Art eigentlich sei, war unter ihren Verkündern lange umstritten; Richard Hamilton, in dem viele den Gründervater der Bewegung sahen – und von dem die Ausstellung gleichfalls einen collagierten Muskelmann zeigt, allerdings ohne Partnerin –, wollte jedenfalls nicht dazugehören. Fest steht, dass sich die neue Kunstform in Gegenrichtung zum gleichzeitigen Rock’n’Roll entwickelte: Sie entstand in England und blühte in Amerika. Als David Hockney und R. B. Kitaj, zwei ihrer Protagonisten, 1965 nach Kalifornien zogen, waren sie schon die Nachhut der Avantgarde, denn Andy Warhol und Robert Rauschenberg hatten bereits Anfang des Jahrzehnts ihren Durchbruch erlebt. Das Medium, mit dem sie die Pop-Art vom Gerücht zum letzten Schrei der Kunst erhoben, war ein Verfahren aus der Textil- und Plakatbranche, der Siebdruck.

          Beim Siebdruck wird die Farbe durch ein Gewebe auf den Bildträger gepresst; die Form entsteht durch eine Schablone, welche die nicht bedruckten Stellen abdeckt. So entsteht ein Bild, das Unschärfe und Präzision in einem schwebenden Gleichgewicht hält. Was das bedeutet, kann man auf Warhols „Marilyn“-Serie von 1967 sehen: Der Kopf Marilyn Monroes, den der Künstler aus einem Publicity-Foto für den Film „Niagara“ kopierte, ist zugleich ikonisch und flüchtig, er löst sich in farbige Flächen auf, die durch ein Korsett von Umrissen zusammengehalten werden. Dabei entstehen durch den Wechsel der Farben immer neue Ausdrucksnuancen: Der Siebdruck ist eine Form des Seriellen, die unablässig Unikate produziert.

          Damit hatte Warhol die Verbindung aus Warenförmigkeit und ästhetischer Überhöhung gefunden, nach der er seit den fünfziger Jahren gesucht hatte. In der Berliner Ausstellung sind Warhols frühe Bilder von Schuhen, Köpfen und Eiskugeln in Wasserfarbe, Federschwarz und Blattgoldimitat so gehängt, dass man von ihnen aus wie in einem Kamera-Zoom auf die großen Serien mit Marilyn und Campbell’s Suppendosen blickt. Von diesen wiederum sieht man im Gegenschuss die Comic-Stills Roy Lichtensteins auf der gegenüberliegenden Wand, so dass das Konkurrenzverhältnis der Künstler sich auch optisch überträgt. Warhol hatte ursprünglich ebenfalls Comics auf Leinwände übertragen, aber unter dem Eindruck von Lichtensteins Erfolg lieber Suppendosen gemalt.

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